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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-10 · Heft 5 (10.12.1919) · p. Seite 98

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 5 (10.12.1919)
Article
Der jüdische Revolutionär
Date
1919-12-10
Page
Seite 98 (sequence 3)
Language
German
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98 So wählt mein Blut Er aus zum stolzen Reise — In alle Zeiten spriesseiuf, nie verdorrt — Dass meinem Mund — von neuem immer wieder — Entstürze Seines ewigen Willens Wort! Und zwischen mir und reglos jungem Blühen Brach darum Brücke Er entzwei und Steg — Dass ewig ich, mit Menschenschritt, hienieden Mitschreite Seinen fernen Gottesweg, Und — Leid mit Seinem Worte lösend — hier Sein ewiger Mund und ewiger Anwalt .werde! ... Nicht jene sind deshalb die eigentlich jüdischen Revolutionäre, die nur materielles Glück mit vollen Händen verleiten wollen und zu diesem Zweck staatsrechtliche und wirtschaftliche Massnahmen erfinden, sondern vielmehr jene, die geistige Gemeinschaften zu schaffen sich mühen, in denen Logos und Eros, Kunst und helles Denken wohnen sollen; wirtschaftliche Befreiung ist dazu natürlich Voraussetzung. Deshalb muss jeder geistigrevolutionäre 'Jude heute notwendig Sozialist sein: als Widersacher des Kapitalismus, seiner gemeinen Profitsucht und materialistischen Stimmung. Deshalb ist aber auch andererseits sein letztes Ziel: die Anarchie, die Beseitigung jedes Machtverhältnisses. Solche Revolutionäre, hinreissende Beispiele für die tragische Mission der Juden auch in unserer Gegenwart, waren Kurt Eisner und Gustav 'Landauer. Glühend kämpften sie gegen jede Gewalt und suchten durch Wort und Beispiel ein neues Menschentum anzubahnen, auf die Gefahr hin, durch ihre eigenen Parteien getötet zu werden. Ihre Parteien? In Wirklichkeit standen sie aller Dogmatik und allem organisationellen Zwang fremd, ja feindlich gegenüber. E i s n c r war Revisionist und musste deshalb Berlin, und den „Vorwärts" verfassen. L a n - dauer kam von der Romantik Proudhons her, dieses grössten Individualisten im Sozialismus, und kannte nichts Bekampfenswerteres als den „wissenschaftlichen" Sozialismus, diese „wissenschaftliche Gaukelei", wie er sich ausdrückte. In ihren Gesichtern — dem milden Patriarchenantlitz Eis n ei s, dem 'stillen Urchristenkopf Landauers — spiegelte sich zutiefst das jüdische Wesen. Sie wollten sprechen und begeistern, zeigen und bauen mit Vielen, die sie überzeugt hatten. Sie blieben aber allein, und ihre Ideale deshalb unverwirklicht. Denn nicht nur durch die Uebermacht ihrer Feinde, sondern auch durch das alte jüdische Schicksal: der Einsamkeit unter Freunden gingen sie zu Grunde. So starben sie wie Jesus von Nazjareth und alle anderen jüdischen Märtyrer. Für das Schicksal des jüdischen Revolutionärs ist nichts symbolischer als der Tod dieser beiden Männer: E i s n e r ward von einem adligen Mordbuben erschossen — im Augenblick, als er seine gesamte politische Macht niederlegen wollte. Landauer schlug eine tierische Soldateska tot, ars er — Worte der Güte und Menschlichkeit sprach.

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