Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Der jüdische Revolutionär
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 96 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Der jüdische Revolutionär Von Dr. Rudolf Kayser, Berlin. Warum soll ich gerade zum Märtyrer werden? Warum? Weil Gott mir die Stimme in die Brust gelegt, die mich aufruft zum Kampfe, weil Gott mir die Kraft gegeben, ich fühle es, die mich befähigt zum Kampfe! Weil ich für einen edlen Zweck kämpfen und leiden kann! Weil ich Gott um die Kräfte, die er m,ir zu bestimmtem Zwecke gegeben, nicht betrügen will! Weil ich, mit einem Worte, nicht anders kann. F e r d i n a n d iL a s s a 11 e (sechzehnjähr.). o masslos er. von antisemitischer Seite übertrieben, und so ängstlich er vom jüdischen Bürgertum verleugnet wird: der grosse jüdische .„ Anteil an der heutigen revolutionären Bewegung steht fest; er ist immerhin so gross, dass kein Zufall, sondern eine innere Tendenz ihm gebieten muss; er ist Auswirkung des jüdischen Wesens in eine modernpolitische Richtung. Durch diese Feststellung sei dem jüdischen Revolutionär keineswegs ein Lorbeerkranz gereicht und seinen Taten von vornherein Anerkennung und Lob gezollt. Dazu liegt um so weniger Aniass vor, als nicht gerade viele jüdische Politiker von jener religiösen Leidenschaft besessen sind, die um des sachlichen Ziels willen altes, selbst das eigene (Leben opfern würde. Viele flinke Literaten suchen billigen Anteil am öffentlichen Kampfe zu bekommen, nur um ihrer Eitelkeit und ihrem Machtstreben neue Möglichkeiten zu eröffnen; Sachkenntnisse und Arbeitswille beschwert sit selten. Von ihnen sei "hier nicht gesprochen. Je weiter die politische Entwicklung geht, desto schneller werden sie sich als Eintagsfliegen entpuppen. Anders aber steht es mit solchen Juden, die, Märtyrer der Idee, Chrisrusse und Künder neuen Menschentums, unbeirrt ihren Weg gehen, der notwendig tragisch münden muss. Diese echten jüdischen Revolutionäre sind, trotzdem sie in innigster Gemeinschaft im Denken und Handeln mit ihren andersstämmigen Genossen verbunden sind, von ihnen sehr verschieden. Sie haben es zumeist in zwei Punkten schwiener: es fehlt ihnen die natürliche Opposition der unterdrückten Klasse, des Proletariats (sie sind stets „Intellektuelle"), und zweitens jene weite nationale Unterstützung, die aus der Tatsache stammt, dass Führer und Gefolge von gleicher völkischer Herkunft sind. Das letztere wird mir vielleicht durch) den Hinweis auf den internationalen Charakter des Sozialismus wie jeder modernen revolutionären Ideologie bestritten werden; dennoch ist es Tatsache, dass sowohl die russische wie die deutsche Revolution einen starken nationalen Einschlag haben. Trotz dieser Hemmungen sind Juden wie Trotzki, Radek, Axelrod, Eisner, Landauer, Lewinee, To Her Führer der Revolution geworden. Sie sind es aber in einer sehr besonderen Art und Einsamkeit, die sie völlig ausserhalb jener stellt, die mit gebundener Route marschieren. Selten sind sie die orthodoxen Gläubigen eines revolutionären Katechismus, viel häufiger Heretiker und durch keinerlei Dogmatik festgelegt; bekannt ist ja Marxens Bekenntnis, dass er selbst kein Marxist sei. Ja, in vielen Fällen ist der jüdische Revolutionär über-