Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Zur Apologie meines Vaters
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 61 (sequence 3)
- Language
- German
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61 bekannte Buch Jakob Klatzkins bejaht in ausdrücklicher Anlehnung an Seil. J. Hurvvitz das Problem und unternimmt den ernsten Versuch, ihm zu Leibe zu rücken. Nach der Meinung des verehrlichen Rezensenten der „Jüdischen Rundschau" erneuert K. damit freilich nur die gleiche „Klotz-Frage"; wozu aber, meint er, solche unlösbare Klotz-Fragen überhaupt aufwerfen? O saneta simplicitas! Sind denn die Fragen nach dem Sinn des Menschenlebens, ja nach dem Sinn der Welt, nach Gott nicht auch „Klotz-Fragen"? Und doch galt bislang das Aufstellen solcher Fragen nicht gerade als Zeichen inferioren Denkens und Fuhlens. In der scharfen Problematik jener Abhandlung verkörperte sich vielmehr die Tragik der jüdischen Existenz selbst, Sie sprach somit aus das, „was ist"; was tiefempfindliche Seelen insgeheim quälte; worum sich die anderen gedankenlos herumdrückten. Aber dass sie.es offen und rücksichtslos aussprach, dass sie den Schmerzensschrei hinausschrie, das konnte man ihr nicht verzeihen, darin bestand ihr Verbrechen. Gleichsam als Fortsetzung jener Abhandlung und pragmatische Antwort auf die dort gestellte Frage erscheint der Aufsatz „Zwei Wege". Darunter werden aber nicht etwa zwei von verschiedenen anderen möglichen Wegen, sondern eine ausschliessliche Alternative verstanden. Diese zwei Wege sind einerseits Assimilation, andererseits Zionismus. Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Abnormität der jüdischen Existenz. Alle anderen Lösungen sind Halbheiten. Diese Problemstellung ist wiederum als Zeugnis einer radikalen Verstandes- und Gefühlsweise psychologisch kennzeichnend. Dass die Zuneigung des Verfassers dem zweiten Teil der Alternative gilt, braucht wohl nicht eigens hervorgehoben zu werden. Aber ein 'materialistischer Zionismus genügt ihm nicht. Eine physische Existenz ist noch keine Nationalexistenz ohne eine eigene geistige Kultur. Hier kommt der treue Nationaljude wie der geistige Jude doch wieder zum Vorschein. Im Jahre 1905 siedelt er nach Berlin über und beginnt hier die Herausgabe einer eigenen hebräischen Zeitschrift „Heathid". Auf welcher breiten kulturhistorischen — das Wort „freidenkerischen" drängt sich wieder auf — Grundlage diese Zeitschrift gegründet war, kann man schon aus dem Umstände allein ersehen, dass sie einer von J. Klausner verfassten breiten Abhandlung über Jesus Raum gab — eine in der Geschichte der jüdischen Journalistik bis dahin unerhörte Erscheinung. Die Zeitschrift erschien bis zum Ausbruch des Krieges in einigen Bänden, die anerkanntennassen gar manche gediegenen Arbeiten enthielten. Der Herausgeber selbst beteiligte sich mit mehreren Abhandlungen, die den verschiedensten Gegenständen gewidmet sind. Den stärksten und individuellsten Kolorit tragen in dieser Reihe die Arbeiten „Rabbi Jehuda Halevi" und „Chassidismus und Haskalah". Wir sehen hier wieder jenen Geist am Werke, welcher, für alle seelischen Abnormitäten des Gallith so empfindsam ist, welcher der vom abnormen Geschichtsleben bewirkten Unfreiheit und Einengung des Geistes und Verkümmerung des Gefühlslebens überall auf der Spur ist. Selbst vor den Werken solcher Autoritäten wie Jehuda Halevi macht dieser Geist keinen Haft. Wenn abu cicser jüdische Dichter von dem Vorwurf seelischer Ghetto-Enge wohl schon mit Rücksicht auf sein Zeitalter freigesprochen werden muss, in dem selbst