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Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 60

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
Zur Apologie meines Vaters
Date
1919-10-25
Page
Seite 60 (sequence 2)
Language
German
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60 und beissendironisch im Talmudstil, so überall dem sprudelnden Gedanken nachzitternd. Dem jüdischen Wissensgebiet gehören aber auch ihrem Gehalte nach seine ersten literarischen Arbeiten: die Aufsätze im „Hameliz", historische Skizzen über berühmte Tanaiten, das Buch „Haiwrija whajhudija" über die Rechtsstellung der jüdischen Frau in der Bibel und im Talmud. Schon in diesen Arbeiten aus den 80er Jahren des Vorigen Jahrhunderts kann man die Ansätze jener Methode, jenes Motivs wahrnehmen, das später sich bei ihm immer mehr entfaltet und zum allbeherrschendcn Motiv seines geistigen Schaffens überhaupt und seiner Einstellung gegen- Ctocr Gern Judentum Insbesondere wird. Er schliesst sich schon bei diesen Jugendarbeiten nicht in den spezifisch-jüdischen Geisteskreis ein, sein Gesichtswinkel ist im Grunde ein vergleichender, ja universal-historischer. Man darf eben nicht vergessen, dass seine geistige Entwicklung in die Epoche der Aufklärung in Russland im allgemeinen und unter den dortigen Juden insbesondere fällt. Ja^ man kann sagen, dass diese Epoche seinein literarischen Schaffen dieselben Züge verliehen hat, weiche die Aufklärung überall — auch bei nichtjüdischen Schriftstellern —- und mitunter auch in derselben sc!i?rf ausgeprägten Weise zeitigte. Diese .Züge kommen nun zur besonderen Geltung in der zweiten Hälfte seiner literarischen Tätigkeit, die er nach einer mehr als zwanzigjährigen Pause wiederaufnahm. Und zwar gleich in jener vielgenannten Abhandlung „Zur Frage der Existenz des Judentums" (zuerst im „Haschiloach" erschienen), die ein so überaus starkes Aufsehen erregte. Die Grundgedanken dieser Abhandlung waren kurz gefasst die folgenden: Solange die Juden ein normales; Volksleben auf eigenem Boden tülvrten, gab es keinen besonderen Anlass, ebensowenig wie bei jedem anderen normalen Gemeinwesen, nach der Rechtfertigung ihrer Existenz zu fragen; im Exil entfiel zwar die physische Grundlage der Volksexistenz, das Volk ging aber jahrhundertelang im religiösen (Leben so tief auf, dass die Religion sein ganzes Leben durchwaltete und'ausfüllte, ihm gleichsam zur zweiten, geistigen Heimat wurde. , In neuerer Zeit fing nun aber'auch diese zweite geistige Grundlage der Volksexistenz der Juden an, zu zerfallen. Die Abnormität der jüdischen Volksexistenz tritt damit um so schärfer hervor; diese Volksexistenz wird nunmehr zu einem Problem, das eine Erklärung und Rechtfertigimg heischt; und die ausserordentlichen Leiden, die die Juden nach wie vor ertragen, ohne zu wissen, für welche Idee, für welches Ziel, machen dieses Problem nur noch akuter. Die Abhandlung schloss mil einem 'Preisausschreiben für eine Schrift, die dieses Problem zum Gegenstand hätte und es in überzeugender Weise lösen würde. Man sieht, es war die Abhandlung eines Freigeistes. Und auch die Reaktion, die sie hervorrief, war eine solche, die allen echt freigeistigen Schriften zuteil zu werden pflegt. Bei kongenial Empfindenden geheime Bewunderung; bei anderen Bestürzung; bei den Orthodoxen ein Zetergeschrei: er will ja die Juden zur Taufe überreden. Wie typisch! Bei dem Gebell und Gezeter blieb es aber auch; es stellte sich keine sachliche, systematische Antwort in einer Schrift ein, die ein ehrliches offenes Ringen mit dem aufgeworfenen Problem aufgenommen hätte. Erst das jüngste

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