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Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 57

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
Die Zenne Renne
Date
1919-10-25
Page
Seite 57 (sequence 3)
Language
German
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57 staben. Der Erklärung* folgt dann wohl eine Erörterung:, behaglich verweilend — der liebe Schabbos ist lang im Sommer! Bald ists eine moralische Erbauungsrede, wie sie \vohl der Raw halten mochte am Schabbos hagodaul, bald sinds gesammelte Lebenserfahrungen, wie die Grossmutter sie ihren Enkeln ins Leben mitgibt. Dazu aber kommt dann noch der „Aphikaumon", der Nachtisch' nach den guten Lehren: die Grossmutter erzählt Märchen, Reiseabenteuer, wunderliche Maases, Moschefchen. Nicht Kinder nur speist man mit Märchen ab. , Für uns ist dieser Teil der Zenne Renne vielleicht der lebendigste, kostbares Gut, dessen Bedeutunofür die Sagengeschichte noch lange nicht ausgeschöpft ist. AU dieser buntscheckige Inhalt aber wird nicht in gleichmässigem Fluss der Rede vorgetragen, sondern in der alten Lebendigkeit, die den Juden fast als die nationale Form erscheint — in der Literatur wie im Leben. Lauter Dialoge. Einer „vertatscht"; dann heissts etwa „R. Simon fragt: worüm . . . Oder: „is aine Kasche . . Darauf wird ihm „geentwert" (geantwortet). Und dann folgt der Chor, etwa: „noch ein Pschat is . . oder „der Bechaji (Bachia) schreibt . . . So werden uns nicht nur die fertigen Gedanken dargelegt, sondern die Geburt des Gedankens wird entwickelt — aus der Frage. Nicht unwichtig wäre es vielleicht, einmal der Bedeutung der Frage im jüdischen Leben und in der jüdischen Literatur nachzugehen; eine Linie würde sich dann zeigen, die vom Seder-Abend, dem grossen Frage- und Antwortspiel jüdischer Erziehungskunst, zur Methode des Talmuds führt und deren Ausläufer bis in die nationalen Spracheigentümlichkeiten heutiger Juden reichen. Von der Fülle des Inhalts, die ich eben zu schildern versuchte, mögen einige Beispiele Zeugnis ablegen. An den einzelnen Vers niclH nur, sondern an den einzelnen Buchstaben knüpft manchmal die Erklärung an; so bringt gleich die erste Seite uns einqti Wettstreit zwischen den ersten beiden Buchstaben des Alphabets: Bereschithbarah ... Un worüm hebt sich die Tauroh an mit dem Beth? Zu weisen, dass der Beth is Brochoh (Segen). Asoi is dieAleph giflogen vor Hakodausch boruch hu (den Heiligen, gelobt sei er!) un hot gisogt: „Heb mit mir an die Tauroh, denn idi bin das erste Auss (Buchstabe) vun dem Aleph-Beth. Hot Hakodausch boruch hu ihr gientwert: Oif dem Barg Sinai wel ich geben die Asercs hadworim!(Zehn Gebote); wel ich an heben mit dem Aleph: Anochi Haschern (Ich bin der Ewige.,,.),. Dann werden die Urväter auf ihren \X^anderungen begleitet. So peinlich dem Juden gewöhnlich Bibel-Paraphrasen sind, weil das „heilige Original" immer wie ein mahnender Schatten dahinter steht: Wenn die Zenne Renne davon redet, so wirds uns zumut, als hätten wir mit Abraham vor der Tür des Zeltes gesessen, um auszus'chauen, ob nicht Aurchim (Gäste) des Weges kommen; und als wären wir mit Mosche Rabemi auf den Berg gestiegen, vor aller Augen und öffentlich das erste Mal, heimlich in der Morgenfrühe zum zweiten Male — warum? fragt die Zenne Renne; und antwortet: weil das erste Mal ein Ajin horah (böses Auge) die Tafeln traf, dass sie „zubrochin'/ werden mussten. Man

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