Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Die Zenne Renne
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 56 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908755-2912261--2826-2912329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 das(/flTeutsch Chumesch" des R. Isaac ben Simon aus Prag; da war die Cremoneser Uebersetzung das Lob Brzesc; auch konnten die „Pülzel9 oder Meidlich" die "\,zway erstem Bücher der Künig .... aus den hebräischen Buchstaben mit Fieiss ins Hochdeutsch gebracht" lesen; und manches mehr. Aber keins von allen diesen Büchern hat sich die /Liebe des jüdischen Hauses, das ist nach altem Worte: der jüdischen Frau in gleichem Masse erworben wie die „Zenne Renne". Warum? Und was ists 'für' ein Buch? Heute freilich ist vielen unter uns (und nicht nur unter den Frauen!) selbst der Name dieses Buches schon zum Rätsel geworden. Ostjüdische Lieuer zwar singen wir, und über die Sprache unserer polnischen Stammesgenossen ist gerade jetzt manches Buch geschrieben worden, von Gelehrten rund Ungelehrten, von Freund und Feinde. > Vier weniger Aufmerksamkeit jedoch ist bisher der Sprache unserer eigenen Urgrossmütter geschenkt worden, von der uns, wie der Titel, so dies Buch! ein lebendiges Zeugnis bietet. „Zenne Renne" ist, wie jene Zeit es liebte, ein Zitat aus der Bibel; „Zeenoh ur'enoh benaus zion" —'kommt hinaus und schauet, Ihr Töcliter Zions (Hohes iLied 3,11). Im Titel schon birgt sich eine Illustration des Inhalts. An die Frauen und Mädchen richtet sich das Buch; drum spricht es mit ihnen nicht in der Sprache der Bibel und der Propheten, in der die Männer in Beth-hamidrasch lernen, sondern im „Mame-loschen" dem „Weiberdeutsch", wie es die jüdische Volksliteratur liebt. Es soll hier nicht ausführlicher über die Form dieser Sprache gesprochen werden, deren merkwürdige Stellung zwischen Deutsch und Hebräisch in Wortbildung und Syntax, deren getreues Aufbewahren heut verschwundener älterer deutscher Formen und Wortstämme noch lange nicht zur Genüge klargestellt worden ist. Unsrer Zeit ist ja, wie bekannt^ das seltsame Schauspiel aufbewahrt geblieben, mit anzusehen, wie diese Tochter sich gegen die Mutter, das Hebräische, empörte und die Judeai, die so lange keine Muttersprache hatten, nun auf einmal zwischen zwei Sprachen 'hin und her schwankten, wie das Volk des "Elia zwischen dem Herrn und Baal. Wie man auch darüber denken mag: wer es unternimmt, wie kürzlich der ehrenwerte Rabbiner Kraus aus Lakompak in Ungarn, das „verderbte" Deutsch der Zenne Renne in ein reines Deutsch umzuwandeln, der wird ebenso scheitern, wie einer, der etwa das „Weiberdeutsch" in reines Hebräisch übertragen wollte. Zur Zenne Renne gehört ihr jüdisch-deutsch Kleid wie etwa ... zur Grossmutter die Schabbos-Haubc, Worin aber besteht nun der besondere Reiz dieses .Buches? Jüdischdeutsche Uebersetzungen des Pentateuch gab es, wie schon erwähnt, dazumal schon eine ganze Anjzahl; auch haggadische Deutungen der Schrift waren nicht selten — alle diese aber scheint die Zenne Renne idurcli die abwechslungsreiche Buntheit ihres Inhalts übertroffen zu haben. Da fand man zunächst eine volkstümliche Uebersetzung, fast mehr: eine Umformung des Chumesch, der Haftaroth, sowie der fünf Megilloth; also ein« jüdischnleutsche Begleitung des gesamten jüdischen Jahres. An die Uebersetzung — unter dem Titel „dos is tatsch": — sclvliesst sich die Erklärung ganzer Verse, einzelner Worte, ja selbst einzelner Buch-