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Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 55

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
Die Zenne Renne
Date
1919-10-25
Page
Seite 55 (sequence 1)
Language
German
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55" Die Zenne Renne Von Bath-Hiller. Eigentlich ist es gar kein Buch', von dem ich sprechen wilf. Eigentlich ist es ein langer, sommerwarmer Schabbos-Nachmittag zur Tamuszeat, gerade ehe die „schwarzen Tage" beginnen, in einem von den süddeutschen Städtchen, wo die Kehille noch lebt wie in alter Zeit. Durchs offene Fenster sieht man die festlich angetanen Baalbatim, die Hände auf dem Rücken, noch ein Weniges auf- und abspazieren, ehe sie zu Minclia nach Schul gehn. Vor dem Fenster auf dem erhöhten Tritt aber steht der schwarz bezogene Ledersessel mit den Armstützen behaglich und gravitätisch, wie es dem alten Hausgenossen zukommt, und brüstet sich, als wüsste er, welche Ehre ihm am Schabbos Nachmittag zuteil wird. Denn dort sitzt die Grossmutter. Ihre Schabboshatibc mit dem roten Bande prunkt sommerlich, als wäre sie noch die „junge Rebbezin" von einst, und doch hat sie schon ihre achtzig Jahre hinter sich, das 'Wort des Psalmisten beschämend. Denn ob ihr Gesicht •auch runzlich wurde wie ein altes Pergament und ihr Rücken sich krümmte unter der 'Last der Jahre; noch ist ihr Auge scharf, dass sie ohne Brille ihre Sforim studieren kann. Das tut sie denn auch Sabbat für Sabbat, denn werkeltags wirtschaftet sie in Küche und Stube und hat keine Zeit dazu. Siehst du die zarte, gekrümmte Gestalt unter den ricsengrossen Folianten, aus denen ihr Mann selig gelernt hat und die auch ihr nicht fremd sind, so glaubst du ohne weiteres, was die Leute im Städtchen erzählen, Juden wie Christen: dass die Grossmutter mehr kann als Brot essen .... Ist eine Mutter in Sorge tun den Sohn in der Fremde; fühlt eine Frau ihre schwere Stunde herannahen; oder ist eins krank in der Familie — immer schickt man zur Grossmutter. Sie weiss schon, Avas sie zu tun hat: sehillim sagt sie für die Kranken, für die Gesunden aber schlägt sie .in ihren Büchern nach und „paskenet", als wär sie ein Raw .... Da liegensie auf dem Fensterbrett, gkich zur Hand, die „köstlichen Sforim" wie sie sie nennt: Menorath hamaor — Kaw-ha-jaschar — und wie sie alle heissen. Vor allem aber die Zenne Renne. „Unser Judith ihr Tauroh" hat ihr seliger Vater dies Buch schon genannt; und auf der Innenseite des wurm stichigen, rostbraunen Lederdeckels steht von zittriger Frauenhand geschrieben: Gar köstlich senen die Sforirn, ■ Drin stehen ntt kein Schkorim. Wer war die Schreiberin? Wars die Grossmutter selbst? Wars ihrer Almen eine? Denn Geschlecht auf Geschlecht von jüdischen Frauen las dieses Buch,- „leinte" sichs vor an Schabbosnachmittagcn, wie sie es heut noch tut. Eifrig bewegen sich die 'eingeschrumpften Lippen hin und her, her und hin; die Bänder der -Haube nicken den Takt dazu. Und wer will, mag zuhören.- Als Rabbi Jacob ben TsaaC aus Janow im Jahre 16-13, da die Welt zuerst wieder aufatmete nach dem Grausen des Krieges, den Juden und besonders den jüdischen „Weibern und Maiden" dies Buch schenkte, da stand er mit diesem Beginnen durchaus nicht allein da. Da war

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