Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Jüdische Bibliotheken im Lande Israel
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 47 (sequence 6)
- Language
- German
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47 Wenn aber das Hebräische wieder die Muttersprache eines starke» Kernes unseres Volkes sein wird, so werden grade Juden wiederum die Hauptträger der hebräischen Wissenschaft jeder Art und zugleich die besten Erforscher des .alten und neuen Orients sein. Die lebende hebräische Sprache, noch dazu in Verbindung mit der lebendigen Quelle *ics arabischen Volksmuhdes wird erst recht eingehend und tief schürfende hebraistische 'und orientalistische Studien ermöglichen. Zugfeich ist Palästina der wahrhaft klassische Boden zukünftiger archäologischer Wissenschaft, der trotz der seit kurzem begonnenen Ausgrabungen und Forschungen, an denen wiederum Juden viel zu wenig beteiligt waren, wissenschaftlich noch nahezu jungfräulich ist. Hier wird durch den geschichtlichen Werdegang des Landes die wahre Hochschule alles archäologischen Forschens sein. Sehr bald wird daher ein hebräisches archäologisches Institut erstehen, das wiederum in seinem Gedeihen von dem sich entwickelnden Bibliothekswesen abhängig sein wird. Dass Palästina sehr bald der Mittelpunkt aller hebräischen, aber auch arabischen und überhaupt semitistischen Forschung werden muss, ist selbstverständlich. Es wäre annatürlich, würde es nicht so sein. Solche Studien müssen autochthon sein, wenn sie Kvirklich Bahnbrechendes leisten wollen. Wie traurig es um die hebräischen Studien heute bestellt ist, das kann man daraus ersehen, dass die hebräische Bibliographie noch immer in den Kinderschuhen steckt. Erst im hebräischen Jerusalem wird sie ihre natürliche und fruchtbringende Stätte finden, und die grosse hebräische National-Bibliothek wird ihre naturgemässe Stätte sein. Das wissenschaftliche Studium des Talmuds, das in den letzten Jahren ganz neue Bahnen einzuschlagen beginnt, wird erst recht in Palästina seinen Boden finden. Es kann nur dort gedeihen, wo als Grundlage die alte talmudischc Bildung in ihrer Reinheit existiert. Deshalb darf nichts geschehen, was das alte Talmudstudium im geringsten stört. Wohl aber muss aüch dort für reiche Bücherschätze Sorge getragen werden. Denn gerade das grosse buchmässige Wissen hat das alte Talmudstudium so aufnahmefähig und zugleich so widerstandskräftig gemacht. Dass die historische Forschung des Judentums eine Hauptaufgabe der jüdischen Wissenschaft in Jerusalem sein wird, ist dem nationalen Charakter der neuen Gründung entsprechend ganz selbstverständlich. Aber nicht minder werden jene Wissenschaften gepflegt werden müssen, die nicht '.national begrenzt sind. Da sind die ganzen philologischhistorischen Wissensgebiete, die Geschichte anderer Völker und die Weltgeschichte überhaupt, aber auch das Rechtslcben und die Religionswissenschaft, die hier eine freie Stätte finden werden. Daneben aber wird man den Naturwissenschaften, sowohl den reinen wie den angewandten, einen breiten Raum gewähren und ihrer Voraussetzung, den mathematischen Wissenschaften, ist von jeher von jüdischer Seite besondere Pflege zuteil geworden. Man sagt auch, dass sich Jerusalem mehr als andere Städte wegen der überaus reinen Luft Palästinas zu Himmelsbeobachtungcn eignet und damit den astronomischen Studien besondern Vorschub leistet,