Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Jüdische Bibliotheken im Lande Israel
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 45 (sequence 4)
- Language
- German
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45 Universität die Bedeutung, die wichtigste kulturelle Tat des zionistisch gewordenen jüdischen Volkes im Lande Israel zu werden. Die Vorbedingung der Universität freilich wie jeder grosszügigen geistigen Arbeit ist nun aber die Schaffung der grossen Bibliothek, des Arsenals, dessen jeder Kampf der Geister bedarf. Es wäre ein Irrtum zu meinen, dass in Europa die Universitäten die Krönungen der Bildungswerke waren. Zuerst gab es Universitäten, dann entstanden Gymnasien und andere höhere Schulen. Erst allmählich entwickelte sich das Volksschuhvesen aus dem höheren. Auch in Palästina bedeutet die Gründung der Universität die Grundlegung des gesamten Schulwesens, nicht etwa ein Dach, das man auf einen fertigen Bau auflegt. Aber wie vor allem Universitätswesen die Bibliotheken der Mittelpunkt der Bildung waren, so mtiss es auch in unserm Falle geschehen. Als in Berlin die Universität gegründet wurde, hatte die jetzige Staatsbibliothek bereits anderthalb Jahrhunderte lang bestanden. Die Hamburger Universität konnte nur deshalb gestern gegründet werden und heute anderthalb Tausend Studenten zählen, weil die Stadt ein grosses Bibliothekswesen hat, und weil die herrliche Stadtbibliothek auf eine vierhundertjährige Geschichte zurückblicken kann. Und so ist es überall der Fa'l gewesen. Es ist ja auch ganz natürlich so. Wenn man irgend welche Forschungen macht, (und seien es sogar experimentelle auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, so kann man des in Büchern und Zeitschriften niedergelegten Materials nicht entraten. Wie viel mehr ist das der Fall bei allen Geisteswissenschaften, die ausschliesslich des gedruckten Stoffes sich bedienen müssen. Der Gelehrte, der fern von einer Bibliothek arbeiten muss, ist gleichsam gelähmt. Je grösser und je besser die Bibliothek verwaltet ist, um so vorzüglicher kann der Universitätsbetrieb gestaltet werden, um so fruchtbringender ist die Arbeit des einzelnen Gelehrten. Schon bisher hatten wir in Jerusalem einen Stab hervorragender jüdischer Gelehrten, ganz besonders auf dem eigensten Gebiete unseres Volkstums. Aber sie alle haben den Mangel einer grossen Bibliothek aufs allerschmerzüchste empfunden. Und wenn wir die Universität ihre Tätigkeit beginnen lassen, ehe die Bibliothek gegründet ist, so werden wir sehen, dass die wissenschaftlichen Studien und der ernste Unterricht grossen Schaden leiden. Die Bibliothek ist die notwendige, die unumgängliche Vorbedingung für jede wissenschaftliche Arbeit, für jeden Betrieb einer Universität und jeder andern Art von Hochschule. Es wäre aber einseitig, wollten wir die Notwendigkeit der Gründung eines hebräischen Bibliothekswesens nur von dieser Seite aus betrachten. Wir wollen ja ein Volk aufwachsen lassen, auf der Grundlage jüdischer Landarbeit. Nun verbinden wir aus der Beobachtung in den europäischen Ländern mit dem Namen des Bauern einen gewissen Mangel an urbaner Bildung. Die Landbevölkerung steht in Europa durchschnittlich weit hinter der Stadtbevölkerung an Bildung und Wissen zurück. Aber es muss nicht [notwendig so sein. Dass man ein fleissiger und guter Bauer sein und doch hohe Bildung besitzen kann, beweist