Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
Das hebräische Buch
Date
1919-10-25
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2908689-2908753-2908755-2912256--2795-2912305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

32 hervorragenden Aeusserungen jüdischen Denkens und Fühlens sollen eine Metamorphose durchmachen und zu einem zweiten Leben im hebräischen Körper und (Gewand iauferstehen. Wir müssen .unbedingt einen hebräischen Kontakt herstellen mit den Geistern all der grossen Denker und Seher, deren fremde Sprache eine Scheidewand bildete zwischen ihnen und ihrem Volke, sowohl bei ihrem Leben als nach ihrem Tode. Wir verlebendigen jetzt das Hebräische auch im Sprechen; wir müssen aber zugleich mit den Lebenden auch unsere Toten hebräisch sprechen lassen, ja auch diejenigjen Lebenden, jdie für uns tot sind. Lasst uns ein grosses Netz über dem Meere der Weltliteratur ausbreiten und von dort alle Perlen jüdischen Geistes herausfischen, Das würde ein grosser Tag sein, ein Tag der Erlösung für {die jüdische Seele, die zu ihrer Urheimat zurückkehren würde. Da ist Philo, Spi noza , da ist eine Reihe jüdischer Köpfe in den Sprachen Griechenlands, ^Arabiens und Spaniens, da ist Hein e. Da* Heined eink m a 1 möchte ich nicht erlöst sehen wollen, sondern es für alle Zeiten lierumwandern lassen, als das beissfendste Gedicht und das bitterste Gelächter des grossen Toten, als anschauliches Symbol der unsteten und flüchtigen jüdischen Seele, die vom fremden Magen nicht verdaut wird. (Dagegen harren Heines Gedichte einer hebräischen Erlösung. Die Sünde des Juden Heine ist durch Schmerzen gesühnt, sein Tod versöhnte ihn mit dem Gotte Israels. So Isoll auch alles andere aus den jüdischen Werken in anderen Sprachen, was Begabung aufweist und jüdische Prägung hat, in die hebräische Schatzkammer abgeführt werden. Dadurch werden wir gewissermasscn den jüdischen Geist emanzipieren, unsere Schaffungspsyche verselbständigen. Eine Wirkung von aussen befruchtet nur dann, wenn sie durch ,das Medium der hebräischen Sprache durchgegangen ist. Ein jüdisches Werk in fremder Sprache hat für uns nur einen halben Wert, nämlich nur soweit der Inhalt jüdisch ist, nichts aber gilt uns die fremde Hülle. Bedenken wir doch, dass der Reichtum eines Menschen nicht in demjenigen besteht, was er verbraucht, sondern in demjenigen, was er spart und aufbewahrt, denn nur dies gibt ihm die Sicherheit und Ruhe für die Zukunft, Kann nun etwa irgendeine andere Sprache, ausser der hebräischen, uns unser geistiges Vermögen für die Zukunft sichern? Die Geschichte hat uns bis jetzt das Gegenteil bewiesen. Alle Sprachen, die. von unseren Eltern jahrhundertelang gesprochen und literarisch gebraucht worden sind — sind nacheinander vergessen worden. Was blieb — ist gerade in hebräischer Uebersetzung erhalten, wie die meisten philosophischen Werke des Mittelalters, oder als Anhängsel zu hebräischen Werken, wie die aramäischen Teile. Zusammenfassend (kann man unser literarisches Vermögen von heute in drei Gruppen einteilen: a) alte zahlreiche Schätze in hebräischer Sprache, die aber, da unausgenutzt, totes Kapital sind, b) eine 'Menge alter und neuer Geistesschätze, die bei anderen Sprachen verpfändet sind, c) wenig zahlreiche Güter der neuen hebräischen Literatur, die sioeh zu frisch und in der Entwicklung begriffen sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.