Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Das hebräische Buch
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908755-2912256--2794-2912304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
31 Geheimnis des Genies Konzentrierung ist — was für eine Konzentrierung kann ein Volk aufbringen, das seine Energien an jede beliebige Sprache verschwendet? Wie kann eine Literatur überhaupt ganz sein, wenn sie die Sprache nicht als ihr Blut und Bein, als ihren Naturkörper ansieht, sondern als «ein Kleid, das man ablegen kann, als ein provisorisches Zelt für den Geist» Man kann natürlich nicht die Werke der ersten Gattung beanstanden, die auf uns kraft geschichtlicher Umstände in fremder Hülle 'gekommen sind. Ebensowenig kann man die Verfasser der dritten iGattung verurteilen, — die geistigen Marranen, die in ihrem Schaffungsdrang vereinsamt litten und „Gottes Lied in fremder Sprache singen" mussten. Noch weniger zu verdammen sind die Verfasser der zweiten .Gattung, die keineswegs dem Hebräischen Abbruch tun wollten. Was kann aber die Schufd der Sprachverleugner der vierten Gattung mildern? Haben sie doch, selbst die bestgesinnten von ihnen, dem jüdischen Geiste eine klaffende Wunde versetzt! Waren sie doch die ersten geistigen Täuflinge. Der äusseren Zertrennung fügten sie die innere, kulturelle hinzu. Die eine jüdische Seele wurde zersplittert, der einende Faden zerriss. Ihre eifrige Bemühung im Laufe einers Jahrhunderts, Üen Völkern das Beste im Judentum vorzuführen, hatte einen Erfolg, den die Eiferer selber vielleicht nicht erwartet haben: die hebräische Literatur, das ist das Objekt ihres Eifers, verelendete inzwischen, ohne dass die Vorführer merkten, dass sie bald nichts mehr vorzuführen haben würden. Nun wollen noch manche Leute im jüdisch-deutschen Jargon eine Zufluchtsstätte für den wandernden jüdischen Geist finden. Diesen Leuten könnte man schlagend durch einen Hinweis auf dasselbe Aramäisch, das oben besprochen wurde, erwidern. Jene Sprache beherrschte das Judentum hundertmal so stark wie alle jüdischen Mischsprachen zusammengenommen; sowohl in Palästina als in Babylon, den Ländern der originell-jüdischen Kultur, sprachen die Juden jahrhundertelang aramäisch; zahl- und umfangreiche Literaturwerke in aramäischer Sprache sind in unseren nationalreligiösen Kanon aufgenommen worden; Hebräisch und Aramäisch sind Nachbar- und Schwestersprachen; es gibt endlich Formulare und Gebete im jüdischen Ritus, die aramäisch abgefasst sind — und trotz alledem, wo ist heute die aramäische Sprache? Sie lebt noch allein im Kadi sch fort. Ihr Grab fand sie innerhalb der hebräischen Sprache selber. Gibt es also kein .Mittel gegen die historische Plage der Vielsprachig- .keit der jüdischen Literatur? Ein Allheilmittel gibt es nicht, manches aber kann getan werden. Gewiss sind wir äusserst an de, alle Götzenaltärc auszurotten, wir können aber ihre schlechten Folgen auf ein Mindestmass reduzieren. Dies aber wird geschehen nicht durch das Errichten eines neuen Götzen, nicht durch den Jargonkultus, sondern durch Erlösung der Gefangenen, Das Beste der jüdischen V/erke in fremden Sprachen soll erlöst werden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Nichthebräischsprechen des jüdischen Volkes eine unserer schwersten nationalen Sünden darstellt, die nur durch eine Seelen Wanderung teilweise gesühnt werden kann. Alle