Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Das hebräische Buch
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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30 - 3. Werke von Verfassern, die Hebräisch nicht konnten oder nicht genügend konnten, die aber doch im jüdischen Geiste schufen: viele griechische Werke zur Alexandrinischen Zeit und später, arabische und spanische — im Mittelalter und Werke in allen Kultursprachen — in dem letzten Jahrhundert bis auf die Gegenwart 4, Werke, deren Verfasser hebräisch konnten, aber es grundsätzlich ablehnten, in dieser Sprache zu schreiben und sie bewusst gegen die jeweilige Landessprache vertauschten: viele Schöpfer der Wissenschaft des Judentums im Westen. 5ä Volksschöpfungen und Werke der volkstümlichen Schriftsteller in den verschiedenen Mischsprachen der Juden. 6. Von Juden verfasste fremdsprachliche Werke allgemein-menschlichen Inhalts, und endlich 7. die aramäischen Teile unseres Schrifttums. Ich möchte vorläufig die sechste Gattung ausschalten, die in eine nationale Sammlung nicht hingehört, räume dagegen der siebenten, aramjaischen Gattung, einen Ehrenplatz ein. Das Aramäisch« hat ganz besondere Verdienste. Seit dem Zusammentreffen mit ihrer hebräischen Schwester, 'wurde die aramäische Sprache zu ihrer treuen. Begleiterin in allen Wanderungen. Es ist eine Art stillschweigender, ewiger Treubund zwischen diesen beiden Witwensprachen, der rührend wirkt, wie die Treue von Ruth, der Moabitemi, ihrer Schwiegermutter, der vornehmen Noemi gegenüber. Das Aramäische schonte gleichsam das Hebräische und vertrat es in Feld und Markt: mehr als ein Jahrtausend war das Aramäische die Profansprache des jüdischen Volkes. Und wie eine treue Dienerin stand sie ihrer Herrin in der Not bei und gab ihr die letzten Sparpfennige ab: ich 'meine die Erweiterung des Hebräischen in der Mischna und im Talmud. Zur Nachtzeit bewachte die Dienerin treu den Schlaf der Herrin: das klassische Werk der Kabala, diese Nachtvision des jüdischen Volkes, ist aramäisch geschrieben. Dies ist um so wunderbarer, als doch zur Zeit des 3,So}iars" das Aramäische im Munde der Juden bereits tot war. Vielleicht bestand gerade darin der mystische Reiz, gleich dem Reize des toten Mondes für Nachtwandler. Das grösste Verdienst aber der aramäischen Sprache ist, dass sie niemals, selbst als sie im Volke lebte, beanspruchte, an Stelle der Herrin zu treten. Die Folge dieses Zusammenlebens ist die durch die Verwandschaft begünstigte Verschmelzung beider Sprachen. Noch zu den Zeiten der Mischna nahm das Hebräische vom Aramäischen die Einfältigkeit und Genauigkeit und manche andere Eigenschaft an.\ Seitdem füllt das Hebräische seine Lücken fortwährend aus dem Wort- und Formenschatz des Aramäischen. Wir werden wohl eines schönen Tages das merkwürdigste Sprachphänomen erleben, dass eine doppelttote Sprache in einer halbtoten Sprache aufgeht, die zum Leben auferstanden ist. Bleiben noch v^ie anderen fünf Gattungen, die das Gemeinsame an sich haben, dass siejür unseren Volksgeist und unsere Literatur Auswüchse darstellen. Denn indem sie unserer Schaffenskraft grosse Energiemengen entziehen, schwächen (die fremden Sprachen das Hebräische. Wenn das