Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Das hebräische Buch
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 und demselben Plan zusammengestellt und ausgewählt sein wird, so wird über dem Ganzen ein Geist schweben. Der Abgrund zwischen der alten und neuen hebräischen Literatur wird dadurch von selbst überbrückt: Wir bekommen eine hebräische Literatur, zwar verzweigt nach Epochen, Arten, Stufen, aber im grossen und ganzen eine nationale, heilige Literatur. Wiederum werden den Bücherschrank des gebildeten Hebräers viele ansehnliche Bände schmücken, ein neuer Talmud, die Essenz des jüdischen Gedankens und Gefühls airer Zeiten enthaltend. Das hebräische Buch bekommt keinen früheren Glanz, das jüdische Herz kehrt zum Urquell zurück, das Band zwischen dem jüdischen Denken und dem jüdischen Schrifttum wird erneut. Und wer weiss! Vielleicht kommen noch Fernstehende zurück, um den Pfad zum Brunnen zu suchen, von dem ihre Eltern getrunken haben. Mögen sie den Brunnen nicht mit Staub und Steinen verstopft finden. Bevor wir an die Aufstellung des Planes einer neuen Sammlung herantreten, müssen wir noch einen wichtigen Punkt streifen, nämlich die Sprachenfrage, die zugleich auch eine Stoffrage ist. Die Sammlung soll, wie ausgeführt, ein Abbild des Volksschaffens in seinem Bergauf und Bergab, in all seinen Windungen und Biegungen sein,, so dass die Entfaltung und Fortentwicklung der Literatur klar zutage trete. Nun aber offenbarte sich die schöpferische Kraft des jüdischen Volkes nicht allein.im Hebräischen, sondern auch in anderen Sprachen. Würde es nicht eine Entstellung des Literaturbildes unseres Volkes sein, wenn wir die fremdsprachlichen Werke ausschliessen sollten? Würde die Kette dadurch nicht mehrere Ringe einbiissen? Und wenn schon ausschliessen, warum nicht auch die anamäischen Teile der Bibel, des Talmuds und des Kabbalaschrifttums mit ausschliessen? Warum nicht auch die bereits vorhandene Uebersetzungsiiterafur ausschliessen, etwa die aus dem. Griechischen übertragenen Apokryphen, die aus dem Arabischen übersetzten philosophischen -Werke des Marmonides, des R. Jehuda Ha- Ievi, des Bachja Ibn-Pakuda? Wir können dbch nicht eine Fremdsprache der anderen, oder eine alte Uebersetzung der neuen vorziehen! Umgekehrt aber, wenn wir uns entschliessen, alt dies aufzunehmen — wo ist hier die Grenze? Was soll aufgenommen werden und was nicht? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst verschiedene Gattungen dieser sonderbaren Literatur unterscheiden, mit der allein die Juden bedacht sind: einer nationalen Literatur in fremder Sprache. Sie zerfällt in folgende sieben Gattungen: 1. Werke, die ursprünglich hebräisch geschrieben waren, deren Urtext aber aus verschiedenen historischen Ursachen verloren ging, so dass wir bloss die Uebersetzung besitzen (die meisten Apokryphen und Pseudoepigraphen). 1 2. Werke, die aus Zweckmässigkeitsgründen in fremder Sprache verfasst worden sind, deren Verfasser sonst hebräisch schrieben und nur dies oder jenes Werk ausnahmsweise nichthebräisch herausgaben (Rabbi Saadja, Rabbi Jehuda Halevi, Maimonklec). Diese Werke sind 'übrigens meistens ins Hebräische übersetzt.