Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Das hebräische Buch
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 findlichen Perlen. Eine solche Last fällt einem bodenständigen Volke schwer, um wieviel mehr einem Wandervolke. Nach einem Kanon aber wird die Aufbewahrung der toten Güter den Archivarian übergeben, das Volk ist entlastet. 'Andererseits übergibt der Kanon dem Volke die Perlen selber, zu eigenem Genuss und zur Vererbung an die kommenden Geschlechter. Das Wort „Genisa" flösst manchem eine Angst ein. Dies Verfahren soll uns viele Verluste zugefügt haben. Mancher sieht sogar darin eine Art Zensur: man befehle gleichsam dem Leser, was er lesen und was er nicht lesen darf. Das ist aber eine falsche Angst, die auf einem argen Missverständnis beruht. Denn sowohl die „Chatima", der Absen luss, als die „Genisa", der Ausschluss, gehen gewissermassen durch das Leben selber vor sich. Gibt es denn nicht auch in unseren Zeiten ganze Literaturteile, die apokryph werden? Das Volk hört auf, sie zu lesen — da sind sie apokryph. Demnach könnte man als apokryph auch einen grossen Teil unserer alten Literatur ansehen, in der sich noch vor einer Generation das Volk geistig auslebte. Die Kanonisatoren haben in der Hauptsache Positives geleistet, indem sie das Korn von der Spreu auswählten. Wenn dabei der Wind die Spreu wegfegt — soll er es tun. Aber selbst vorsätzlicher Ausschluss aus dem Kanon ist, soweit er sich gegen das Leere und Nichtssagende in der Literatur richtet, ebenso nützlich für die Literatur wie das Ausschneiden für den Baum. Der Stamm wird dadurch stärker und nimmt an Aesten und Wurzeln zu. Wer aber entscheidet bei der Wahl? Der Geschmack und die Meinung des Volkes, sein „heiliger Geist", vertreten durch seine Autoritäten. Die Kanonisatoren mussten sich auch dein Imperative des Lebens fügen, oft gegen ihren eigenen Willen. „Die Weisen wollten das Buch Koheleth, Jecheskel und andere ausschliessen" — erzählt uns der Talmud. 5ie wollten — -warum taten sie es nicht? Weil das tLeben die Bücher nicht ausschloss. So blieb den Weisen des biblischen Kanons nichts übrig, als in den religiösen. Kanon Bücher mit aufzunehmen, die den Lehren und Anschauungen der Kanonisatoren strikt zuwiderliefen. Wenn wir trotzdem Verluste zü beklagen haben, die durch den Ausschluss aus dem Kanon der alten Literatur zugefügt worden sind, so sollten wir jene Generation überhaupt beschuldigen. Solch historische Beschuldigungen sind aber sinnlos. Ausserdem können noch immer Aenderungen im Kanon vorgenommen werden. Eine 'andere Generation ändert oder korrigiert den Kanon nach Wunsch. Haben doch die Talmudisten wieder die Baraatoth aufgenommen, die Rabbi Jehuda Hanassi ausschloss. Und hätte jene Generation den nationalliterarischen Wert der letzten Apokryphen und Pseudoepigraphen erkannt, so hätten die Kanonisatoren der Bibel einen vierten Teil beigefügt. Unsere Anwälte der Freiheit können also ruhig sein. Die Freiheit, d. h. die Willens- und Wahlfreiheit, die Unabhängigkeit des Denkens und des Schaffens,;wird 'durch «de« ^Abschluss" nicht verletzt. Jede (Renaissance ist eigentlich nichts als eine Wiederholung des Ursprünglichen, aber auf einem neuen und kürzeren Wege, eine schnellere Umdrehung eines alten Rades. Ja, sogar eine Umwälzung, soweit sie auf nationalem Boden und