Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
Das hebräische Buch
Date
1919-10-25
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908753-2908755-2912256--2789-2912299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

26 Demi was die neuhebräische Literatur »betrifft, so ist sie noch zu jung*, um erzieherische Ansprüche zu haben, und ist dazu noch quantitativ nicht gross. Sie reicht aus zum Imbiss, -nicht aber zum Sattwerden. Die alte Literatur — wer von unseren Zeitgenossen findet sich in diesem Irrgaden zurecht? Man kann doch wahrlich nicht einem Leser zumuten, jahrelang in Üen Bergen der ältesten und alten Literatur zu wühlen, um das Beste vom (guten herauszusuchen. Das können nur Fachleute bewerkstelligen, nicht aber Leser, wenn sie noch so fleissig und tiefschürfend sind. Dann [gibt es noch jüdische Werke in fremden Sprachen. Aber selbst wenn wir sie zu unserer Literatur zählen wollen — was nur teilweise der Fall sein kann — so existieren sie für uns überhaupt nicht, solange sie fremdsprachlich bleiben: sollen wir etwa jeden Juden verpflichten, Pbiyglote zu sein? Was ist nun zu tun, um dem zeitgenössischen hebräischen Leser die besten literarischen Schöpfungen unseres Volkes aus allen Zeiten in die Hand zu geben? Wie kommen wir aus der geistigen Not heraus? Meiner 'Meinung nach sollen wir denselben Weg einschlagen, der in unserer Literaturgeschichte bereits seine Parallele hat. Jedesmal, wenn unsere Literatur sich in einem Zustande befand, wie derjenige, den wir durchleben, behalf sie sich durch eine literarische Sammeltätigkeit, 'die bekannt ist unter dem Termin „C h a t i m a", das ist Abschluss, Kanon i s i e r u n g. Dreimal wurde die Kanonisierung in unserer Literatur wiederholt: Kanon der Bibel, Kanon der M i s c h n a , Kanon des Talmuds. Bei jedem Male folgte dem Kanon als Begleiterscheinung die MGenisa"f das Verbergen, Peschlagnehmen, das Erklären eines Buches -für nichK kanonisch, für apokryph. ,Der Sinn dieser Zwillingserscheinung ist folgender: aus dem'alten literarischen Stoff, der im Laufe von Jahren angehäuft wurde und auf dem Volke lastete, wurde das Beste und Beliebteste ausgewählt. Der Rest blieb draussen, als Apokryphen und Baraitoth. Diese Auswahl, die von Seelenkennem des Volkes und seiner Vertrauensmännfer besorgt worden war, war eine grossje nationale Leistung. Abgesehen davon, dass sie das Volk vor geistigem) Winty&nr und Zersplitterung bewahrte und sie das Volk vor geistigem Wirrwarr und Zersplitterung bewahrte und ihm eine Möglichkeit gab, seinen geistigen Reichtum zu gemessen, hatte diese Auswahl dem Volke den Weg. in eine neue literarische Epoche freigemacht und seine Energie für neue Leistungen entlastet. Denn solange flicht im Alten eine Sonderung vorgenommen wird, ist das Volk für neue literarische Werte nicht empfänglich. Erst nachdem der Baum seine alten Früchte abwirft, beginnt er neue hervorzubringen. Jeder Abschluss ist zu <gleicher,'Zeit das Ende eines Zeitalters und der Beginn eines anderen. Mehr noch: gerade das Beste vom Alten dient, nachdem es durch die neue Atmosphäre jgeläutert und gesund durchgegangen ist, als Boden für neue Sprösslinge, führt ihnen Säfte zu und verhilft ihnen zum Blühen und Gedeihen. Der Kanon mit 'dem ihn begleitenden Genisaverfahren stellt mit sich somit ein Nehmen und^ Geben zugleich. Einerseits nimmt es dem Volke die Last der Verantwortung für das Aufbewahren toter Güter. Das Volk braucht nicht mehr ganze Sandberge zu hüten wegen der darin be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.