Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 1 (10.10.1919)
- Article
- Kritik des Zionismus
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 gefährdet, dass man hier den Beweggründen nachgeht. Jeder von uns kennt diese Widersprüche und leidet an ihnen mehr als der Zionismus selbst an ihnen leiden könnte. Der Intellekt, die Sozialwissenschaft machen nicht davon dessen Berechtigung abhängig — ihnen ist es längst bekannt, dass hier übermächtige Gesetze am Werke sind, welche sich den Willen des Einzelnen unterwerfen und ihm die Grenzen seines Könnens weisen. Das also ist nicht das Schlimme an der Situation, dass sich Dinge ergeben, denen Parteidogma und Logik die Anerkennung weigern — sondern dass wir unserem Intellekt immer noch den Zutritt verwehren, statt mit seiner Hilfe allein uns neu zu orientieren. Diejenigen, die in der eigenen Unzulänglichkeit am deutlichsten befangen bleiben, sträuben sich am hartnäckigste«, sich ihrer Grenzen bewusst zu werden und bilden so einen Widerspruch von Lehre und Leben, der die Jugend am masslosesten verwirrt. Man könnte erklären, dass der Drang zur Mischehe stärker sei als das Parteigebot — es wäre ein Standpunkt, den der Intellekt zu prüfen hätte. Man könnte gestehen, dass es einem noch nicht gegeben sei, nach Palästina zu gehen und dort hebräisch zu leben — und dass man versuchen wolle,, in Deutschland und in deutscher Sprache so weit als möglich wieider jüdisch zu werden — auch das wäre zu prüfen. Wie aber können jene, die alle diese Unzulänglichkeiten Tag für Tag an ihrem eigenen Leben erweisen, sich so gegen jede Prüfung des Intellekts verbarrikadieren? Wie können sie, statt sich ihrer selbst bewusst zu werden, ihre Negativität überschreien und im Namen des Radikalismus, der Unbedingtheit, der Diktatur des Geistes Von anderen ein Können gebieterisch verlangen, vor dem ihre eigene Kraft schmählich versagte? Und jene, die den Zwiespalt bei den Wortführern erkiqnnen —- wäre es nicht logisch, wäre es nicht konsequent, wäre es nicht befreiende Tat des Radikalismus, wenn sie ihnen die Gefolgschaft und die Freundschaft versagen, ihrem Auftreten die Legitimation und ihren Worten die innere Wahrhaftigkeit absprechen würden? Aber gerade die sich am radikalsten gebärden, vermögen es nicht. Denn es gibt keine einfache Lösung. Diese Erkenntnis, dass die befreiende Tat in weitaus den meisten . Fällen dem Einzelnen noch versagt bleibt, ist zu einem stillen Vorwurf 'und Misstrauen geworden, das sich zwischen die einstigen Freunde legt. Man misstraut um so mehr, je grösser die Worte sind. Man weiss^ dass iene glauben, ehrlich zu sein — und misstraut dennoch dieser Ehrlichkeit. Denn man spürt die eigene Sehnsucht nach Erfüllung und weiss aus eigenem Erleblcn, wie sie unerfüllt bleibt und bleiben muss. So wird das Chaos undurchdringlicher von Tag zu Tag. Die Jugend findet in sich keinen Weg zum einfachen Leben. Und blickt sie zu den Führern, so findet sie nichts als Worte. Prunkende, rauschende Worte, die feiertagsmässig aufgeputzt daherstolzieren, Worte, die klingen, als könnten sie Sterne vom Himmel reissen, Worte, in Haschisch getaucht, trunkene Träume und Nebelwolken über die Schlafdürstcnden breitend