Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 1 (10.10.1919)
- Article
- Kritik des Zionismus
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908754-2912206--2769-2912241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18 freudiges Bejahen des neugewählten Zieles — das allein musste ausreichen, das allein Erlösung bedeuten! So bot sich der Zionismus dar als ein Willensakt. Jubelnd griff man darnach. Froh, sich endlich wieder einer absoluten, vom Zweifel nicht durchquälten Idee hingeben 2U können, vertraute man sich ganz der Begeisterung an. Wenn man nur recht von Herzen wollte — nach dem Können wurde nicht gefragt. War es nicht selbstverständlich, dass der Mensch, wenn er sich erst einmal willensmässig zu einer neuen geistigen Einstellung entschlossen hatte, auch leichten Spieles alles das zu tun vermochte, was dieser Einstellung im täglichen Leben Verwirklichung gab? Ich bin 2ionist geworden, also gehe ich nach Palästina — nichts einfacher als das! Und das Geschlecht Lothar Brieg er-Wasservogels, der sich den Zionisten Rene Richter in so naiver, primitiver Weise konstruierte, begriff nicht, ahnte nicht einmal, dass das Problem mit diesem logischen Schlusssatz nicht zu Ende war, sondern dass es mit ihm erst anfing! Erst die Entwicklung drängte diese Erkenntnis auf. Es zeigte sich, dass das Können mit dem Wollen nicht Schritt hielt. Man träumte einen Traum — man war aber zu schwach, ihn zu verwirklichen. Das „Jiskor"-Buch erzählt von jungen Juden, die es hinübertrieb, drüben zu leben oder zu sterben. Nicht einer aus unserer Generation befand sich unter ihnen. Uns blieb diese Einfachheit und Ursprünglichkeit der Tat versagt. Wir verstrickten uns in Worte, zögerten im Gestrüpp neu auftauchender Bedenken, und ehe wir uns dessen versahen, war das Einfache, Natürliche, Unbefangene, das wir im Zionismus als Befreiung begrüsst "hatten, selbst wieder zu einem Labyrinth unlöslicher Fragen geworden. Und täglich wuchs die Anzahl derer, die lange, nachdem sie der Zionismus gläubig machte, "von neuem ratlos wurden. Mit Herz und Seele gaben sie sich dem Zionismus hin, aber in sich selbst fanden sie noch keine Klarheit. Darum ist heute das Erlösungsbedürfnis in der Jugend stärker als je zuvor. Aber während sie damals im Rufe „Zurück zum Judentum'' die Hilmnielsbotschaft zu hören venneinte, die ihr den Weg aus *dem Chaos der deutschjüdischen Kultunnischung. zur Einheit zeigte, dürstet sie heute danach, aus dem Chaos der zionistischen Ideologie/heraus'zu einem einfachen Leben zu gelangen. Täglich schlugen sich neue Abgründe zwischen Wort unä Tat. Man sprach über Palästina — von hier aus. Man predigte die Relais* 6ance der hebräisenen Sprache — auf deutsch. Man forderte die Erziehung zum Judentum — und schickte seine Kinder zu Wyneken. Man verkündete die Reinheit des jüdischen Geistes — und den eigenen Kindern fehlte die jüdische Mutter. Haben wir doch den Mut zu uns selbst! Sehen wir den Problemen ins Angesicht! Der Zionismus wird heute nicht mehr dadurch