Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 1 (10.10.1919)
- Article
- Die Gestaltung der jüdischen Dinge in Posen
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 10 (sequence 6)
- Language
- German
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10 Die Mehrheit der Juden dagegen, geführt durch den Jüdischen Volksrat, sieht gerade im Staatsvertrage vom 28. Juli 1915, der zwischen den allierten und und assoziierten Mächten und Polen geschlossen ist, die Grundlage für die jüdischen Rechte und Freiheiten. Hier ist den Juden die Möglichkeit geboten, sich zu organisieren, für ihre Schul* und Erziehungsangelegenheiten selbst zu sorgen, die Finanzierung mit staatlichen Zuschüssen zu bewirken, ihre kulturellen Angelegenheiten neben dem 'gesamten Kultuswesen selbständig zu regeln. Jener Staatsvertrag stellt noch nicht die nationale Autonomie in ihrer Vollendung dar. Noch immer fehlt die gesetzliche Organisation des Trägers der Minderheitsrechte. Es muss aber die dringendste Aufgabe der Juden sein, das, was der zwischenstaatliche Vertrag und die staatliche Verfassung ihnen noch nicht eingeräumt haben, zu erringen, und bis zu diesem politischen Erfolge die noch fehlende gesetzliche Organisation durch eine freiwillige zu ersetzen. Darum wollen wir Juden in Polen auch mit unseren Brüdern in den anderen Teilen des polnischen Staatsgebietes in engster Fühlung stehen. Die Verbindung mit ihnen ist notwendig, um da,s gemeinschaftliche Ziel zu erreichen. Eine Verbindung muss aber auch zwischen den einzelnen Parteien der drei polnischen Landesteile hergestellt werden. Es geht nicht an, dass weiter im gleichen Masse wie bisher, ein Parteikampf zwischen den Juden Kongress-Polens fortgesetzt wird, die In der Sache selbst und ihren politischen Forderungen wenig von einander verschieden sind. Die Juden aus Posen möchten es sich gern zur Aufgabe machen, versöhnend au/ die Gegensätze der jüdischen Parteien in Kongress-Polen einzuwirken und zu einer jüdischen Einheitsfront, wie sie im Posener Lande geschaffen ist, auch in Kongress- Polen alles zu organisieren, was für ein lebenskräftiges und selbstbewusstes Judentum eintreten will. Wasdie Juden in Posen gegenwärtig am schwersten bedrückt, das ist ihre geflissentliche Ausschaltung im Wirtschaftsgebiet. Dass die Juden nicht Beamte werden, dass sie, wiewohl sie sich vielfach dazu berufen fühlen, nicht zum Aufbau des neuen Staatswesens herangezogen werden, können sie verstehen. Es lässt sich dieser Ausschluss wenigstens für die Uebergangszeitdamit rechtfertigen, dass zur ersten Einrichtung des" neuen polnischen Staatswesens nur Polen das politische; Vertrauen 'gemessen sollen. Dagegen muss es sehr schwer empfunden werden, dass auch im privatwirtschaftlichen Leben die, Juden vielfach ausgeschaltet werden. Trotzdem sie bisher im Grosshandel die Hauptrolle gespielt hatten, trotzdem bisher auch in der Zwangswirtschaft des Krieges die Juden in ihren Positionen von Staats wegen belassen waren, ist man seit Beginn der Revolution eifrigst bemüht, sie aus allen ihren einflussreichen Stellen zu verdrängen. Schon das Haupt-Ernährungsamt, die erste Schöpfung der Revolutionstage, zeigte die für unsere Verhältnisse sehr auffallende Erscheinung, dass es keine Juden unter seinen Mitgliedern hatte. Inzwischen sind neue Aemter und staatliche oder staatlich beeinflusste Organisationen im Wirtschaftsleben gegründet worden, in denen ebenfalls keine Juden sitzen. Als für das neue Erntejahr die Kommissionäre für die Getreidewirtschaft neu eingesetzt wurden, sind