Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 1 (10.10.1919)
- Article
- Die Gestaltung der jüdischen Dinge in Posen
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
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7 eine (nationale Unterdrückungspolitik sollte' und durfte nicht mehr getrieben werden, Ausnahmegesetze gegen eine Nationalität mussten beseitigt werden, ein Zustand sollte herbeigeführt werden, in dem alle Nationalitäten in Achtung voreinander leben, konnten, in 'der jede der «anderen die selbständige, sclbstverantwortliche und selbstbestimmende, die autonome Regelung ihrer -eigenen nationalen Angelegenheiten überlassen sollte. Wenn dieser Zustand auch in Posen herbeigeführt werden sollte, — Selbstbestimmungsrecht der Völker, Schutz der Minderheiten, bildeten gerade damals die Parole der Revolution — so war auch die Judenheit im Lande Posen dazu berufen, ihre Rechte anzumelden, für sich als Gesamtheit die Rechte zu beanspruchen, die ihr als religiösnationale Minderheit zustanden. Die Forderung der national-kulturellen Autonomie musste das Einigungsprogramm der Juden darstellen; sie war deshalb das Programm des Jüdischen Volksrats. Ein grosses Gebiet praktischer Arbeit lag mit dem Programm vor ihm und ist in den wenigen Monaten seiner Tätigkeit bewältigt worden. Zunächst galt es, möglichst alle Juden zu organisieren. An Widerständen hat es nicht gefehlt. Die liberalen Juden, die gewohnt waren, das Judentum nur als Konfession anzusehen, und die es jedes nationalen Inhalts bar wissen wollten, konnten sich so schnell in die neue Zeit nicht fügen. Sie suchten ihren Halt immer noch ausserhalb des Jüdischen Volksrats. Aber ihre Gefolgschaft wird von Tag zu Tag geringer. Von den Synagiogengemeinden der Provinz Posen haben sich die weitaus meisten — 52 an Zahl — korporativ dem Jüdischen Volksrat angeschlossen. In der Stadt Posen hat die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung —• Ende März dieses Jahres — eine deutliche Statistik geliefert. Von ca. 3000 wahlberechtigten Juden haben 2425 ihr Wahlrecht ausgeübt Davon haben 1692 ihre Stimme für die Liste des Jüdischen Volksrats abgegeben. Der Jüdische Volksrat nimmt somit für sich das Recht in Anspruch, die Judenschaft von Siadt und Land Posen zu vertreten. In kultureller Beziehung hat der Jüdische Volksrat sich von Anbeginn an der Sorge für die Schule zugewandt. In den kleinen Städten der Provinz Posen bestanden 18 jüdische Volksschulen, die zumeist nur mit einer, in ganz wenigen Fällen mit 2 Lehrkräften ein kümmerliches Dasein führten. Die polnische Revolution hat das gesamte Schulwesen nationalisiert. Ueberall sind die Schulen in deutsche und polnische geteilt worden. Wir mussten bei dieser Umgestaltung des Schulwesens eine entsprechende Berücksichtigung auch unserer Minderheit verlangen. Der Jüdische Volksrat hat es erreicht, dass das jüdische Schulwesen als gleichberechtigt anerkannt wurde, dass neue jüdische Schulen als öffentliche Anstalten errichtet worden sind. So hat auch die Stadt Posen wiederum eine öffentliche jüdische Volksschule erhalten. Der Ausbau dieses Schulwesen bildet eine im Jüdischen Volksrat weiterhin viel beachtete Aufgabe. . Dem wirtschaftlichen Problem musste sich der Jüdische Volksrat gar stark zuwenden. Als Kreditinstitut ist die Jüdische Genossenschaftsbank errichtet. Die Handwerker werden organisiert, ein Wirtschaftsausschuss erteilt Kaufleuten und Gewerbetreibenden Auskünfte in den schwierigen . praktischen Fragen der Gegenwart und vertritt die Rechte des jüdischen