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Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-10 · Heft 1 (10.10.1919) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 1 (10.10.1919)
Article
Die Gestaltung der jüdischen Dinge in Posen
Date
1919-10-10
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 jüdische Proletariat ist aus der Provinz Posen so gut wie verschwunden; im Handel, im Gewerbe, in der an sich spärlich vorhandenen Industrie nehmen die Juden einen hervorragenden Anteil und sind in vielen Zweigen führend., in den freien Berufen haben sie sich eine angesehene Stellung erobert. Der jüdische Eimfluss ist in allen wirtschaftlichen Fragen ausserordentlich Igross. Unter dem Schutz des Dreiklassen Wahlrechts konnten die Juden trotz ihrer geringen Zahl führend in den Kommunen werden und sogar einige Vertreter in das preussische Parlament entsenden. Wenn man 'den jüdischen Einfluss auf "die Politik und die Leistungen der Juden im wirtschaftlichen Leben sah, ftonnte man vergessen, dass die Juden nur einen so geringen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachten. Waren doch im ganzen nach der letzten preussischen Volkszählung nur 26 000 Juden in der Provinz Posen vorhanden, die 11/4 o/o der Gesamtbevölkerung und 3%% der städtischen Bevölkerung bildeten. Als am 9. November, 1918 auch hier die Revolution ausbrach, trug sie sofort einen nationalen Charakter. Nur ganz kurze Zeit wehten die roten Fahnen auf den öffentlichen Gebäuden, nur ganz kurze Zeit beherrschten -revolutionäre Sozialisten den Arbeiter- und Soldatenrat, der sich auch hier bildete. Schon am zweiten Tage der Revolution trat deren sozialistischer Charakter ganz zurück. Die nationalen Polen traten in den A.- und S.-Rat ein und erlangten in diesem bald die Mehrheit. Ihre Mitglieder wurden als Kontrolleure den einzelnen Behörden und Dienststellen überwiesen. Es bildete sich der Oberste Polnische Volksrat (Naczelna Rada Ludowa), der zunächst nur ein Privatverein war, bald aber neben dem A.- und S.-Rat und schliesslich seit dem 27. Dezember 1918, dem Tage des Einzuges von Paderewski, allein die höchste Tjewalt im Lande hat. Ein Teil der Juden hat in richtiger Erkenntnis der Zeichen der Zeit sich sofort neu organisiert und den jüdischen Volksrat gebildet,- der, wie sein erster Aufruf besagte, geschaffen Wurde zur'Wahrung der persönlichen und .nationalen Rechte der Juden in Stadt und Land Posen. Auch die. deutschen Parteien schlössen sich etwas später zum Deutschen Volksrat zusammen. So hatte das Land seine drei Nationalitäten parallel organisiert. Leider aber haben nicht alle Juden den Weg zum Jüdischen Volksrat gefunden. Von Zionisten, die ihr Jüdcntum immer als Volkstum aufgefasst haben, ist der Jüdische Volksrat begründet worden; alle gesetzestreuen Juden fanden sich bald bei ihm ein und bekannten sich zum nationalen Judentum. Auch aus dem Kreise der „liberalen Juden" schlössen sich ihm manche in Würdigung der besonderen Zeit- Verhältnisse an. Das Programm des Jüdischen Volksrats besteht, wie bereits hervorgehoben, in der Wahrung der persönlichen und nationalen Rechte der Juden. Die nationalen Rechte der Juden zu wahren, ist gerade in der Gegenwart und war insbesondere in der ersten Zeit der Revolution besonders wichtig. In der ehemals preussischen Provinz Posen bereiteten sich neue Verhältnisse vor. Der Kampf tobte um den Besitz des Landes, um die staatliche' Herrschaft in unserer Heimat. Deutsche und Polen führten den Kampf. Wer aus ihm als Sieger hervorgehen würde, war von Anfang an vielleicht noch nicht ganz klar. Eines aber war sicher:

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