Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 526 (sequence 3)
- Language
- German
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von <Ien Gefahren' der Seele, , deren gröoste eben die Sünde der Abson- -denmg ist. Die Qrundentwicklungsllnkn dieses Waltens sieht ihr Auge In drei Gestatten vorgezeichnet: in Moses, dem Propheten, in Saul, dem Könige, in Jesus, dem Goümenschen. Auf der Grundlage dieser eigentümlichen Psychologie kommt sie zu tiefen Erkenntnissen vom Wesen der Prophctle und ihre3 Gegensatzes, dem Königtum, der beiden Mächten, deren Kampf die gesamte altjüdische Geschichte durchzieht. Und dieser Kampf erweitert sich für sie nach dem Worte «der Bibel: „Nicht dich, mich haben sie verworfen!" spricht der Herr zu Samuel. Am Wesen des Königtums offenbart sich ihr die erste „Hemmung an sich", das Überwiegen des Selbstbewußtseins gegenüber dem Gotiesbewusstsein. An der Person des Königs Sau! weist sie nach,- was sich ihr als Folge dieses Vorgangs darstellt: die geistige Erkrankung, Zerrissenheit, Trübsinn, Schwermut. Der Wahnsinn Nebukadnezars „auch eines Königs!" erscheint ihr aus dieser Quelle fliessend. Es ist vielleicht ein romantisches Erbe bei der Erforscherin der Romantik,'dass sie die Nachtseitender menschlichen Natur, die geistigen Erkrankungen hier wie in früheren Büchern mit besonderer Teilnahme verfolgt. Jetzt werden sie ihr .zum Beweise dieser ihrer biblischen Psychologie. Sie geht über den Bereich der Bibel hinaus und sucht an dera kranken Geistern des letzten Jahrhunderts, an Nietzsche und C. F.Meyer dieselbe Krankheitsquelle, die Gründende der Ab-Sonderung nachzuweisen; -hie* wiederum eine seltsame . Genossin unsrer alten Lehrer, die da sagen: „Wer sich von der Gesamtheit ausschlicsst, der leugnet die Grundwahrheit". Absonderung von der Gesamtheit ihres Volkes führt diese beiden Geister zu der extremsten Gestalt des Einzelmenschen, dem „Tiermenschcn'V—- dem sie dann als Gegensatz den Gottmenschen des Neuen Testaments gegenüberstellt. In ihm sieht sie den Angelpunkt der Weltgeschichte; und doch (das ist umso erstaunlicher in diesem Munde) erschaut sie in ihm den Typus des Sterbenden; des Mannes, der zur Zeit, da sein Volk im Sterben lag, die Fcindesliebe lehrte, die das Banner des Todes ist. Denn wer den Vernichter Hebt, der gibt damit sein eignes Recht aufs Dasein preis. Erschütternd, wie hier von unwilligem Munde die Lebensstärke und Daseinskraft jüdischer Lehre bezeugt wird. Bileam wollte Israel fluchen und es ward zum Segen. So auch müht sich Ricarda Huch, das Nicht-Sterben-Wollen des jüdischen Volkes in ein Nicht-Sterben-Können, den Fluch des Ahasver, zu verwandeln; „entgöttert, geistig tot, gottlos geworden." Wer Ricarda Huchs Werke kennt, erinnert sich an ähnliche Aussprüche in ihrem Lutherbuch; hier wie dort krankt die Beweisführung an einer bei dieser Denkerin, die zugleich eine geschulte Historikerin ist, befremdlichen Unkenntnis des heutigen Judentums (nicht eiwa: der heutigen Juden!), seiner Ideen und seiner Ideale, deren Erfüllung in der Zukunft ihm Fortdauer und Entwicklung verbürgt. Für manch schiefes Urteil'entschädigt aber dies vielfarbige Buch durch eine Fülle schöner und fruchtbarer Bemerkungen zu einzelnen Ideen des jüdischen Schrifttums; so über das Judentum und die Tiere (S. 140), die Freude im jüdischen Gesetz (S. 308), die himmlische Gerechtigkeit des Halljahres (S. 288) u. a, m. Und die Berechtigung des absprechenden Vergleichs der modernen Jüdin mit ihren biblischen Ahnfrauen