Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 525 (sequence 2)
- Language
- German
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525 ist christlich geschrieben; spricht hier und da auch mit der alten Abneigung und Ablehnung von den Juden, die wir schon in ihrem Lutherbuche fanden. Und dennoch ist es ein Buch, das uns Juden angeht, selbst da, wo es sich gegen uns wendet; das uns schon durch die Tatsache seines Erscheinens und seiner Verfasserin wie ein lebendiger Mahnruf berühren muss. Unser war die Pflicht, dieses Buch heute zu schreiben, so wie es unsere Vorväter für ihr Geschlecht geschrieben haben. Aber ich weiss unter den heut lebenden Juden keinen einzigen, der diese Aufgabe zu unternehmen fähig oder auch nur willens wäre.— Keinen unter den Lebenden; vielleicht Einen unter den Toten. Das letzte, zur Zeit noch der Veröffentlichung harrende Werk Hermann Cohens, das den Namen führt: „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums4* scheint mir — die auf der Hand liegenden Verschiedenheiten sehe ich ebenso gut wie der geneigte Gegner! — nichts Anderes als die, unerlässliche jüdische Antwort auf die gleiche Frage zu enthalten. Wenn auch unser toter Meister, dessen Andenken zum Segen werde, vielleicht selbst mit halb belustigtem und halb grimmigem Kopfschütteln diesen Vergleich abgelehnt hätte (Gehn Sie mir weg mit Ihrer Rischainte! hätte er wahrscheinlich gebrummt). Denn das Buch der Ricarda Much ist nichts anderes als der Versuch zur Lösung einer Aufgabe, die Cohen selbst, wie seine Schüler wissen, mehr als einmal als die letzte grosse Aufgabe seines Lebens bezeichnet hat: die Betrachtung der Bibel nicht, wie es der Gelehrte von heute nur allzu sehr gewohnt ist, als einer Sammlung von alten orientalischen Mythen und Geschichten, sonpern als eines Buches, das, wie Ricarda- Huch es ausdruckt, „heute und immer auf alle Menschen angewendet werden kann und soll." Was einst Maimonides für seine Zeit getan hat, das wollte ja Cohen der unsrigen geben. Den Gegenwartswert, den Ewigkeitswert der heiligen Bücher; nicht als Dogma verfochten und nicht als Glaubenssatzung gelehrt; sondern durch umfassende und erkenntnisfrohe Gegenüberstellung mit den Kulturwerten der Zeit und der Geschichte. Und dies ebenerscheint als das Ziel der Ricarda Huch—wenn auch ihr Weg oftmals durch andere, mystisch dunkle Reicheführt. Den GrundinhaltderBibel sieht sie in der Erzählung von den Beziehungen Gottes, des Geistes, zum Stoffe, nämlich der lebendigen Substanz, oder dem „Fleisch". Die Lehren der Propheten sind ihr die Verordnungen Gottes, um die Erkrankungen der Seele oder des Geistes im Fleische zu heilen. Wie aber entstehen diese Erkrankungen? Das immet wiederkehrende Erlebnis der menschlichen Seele ist die Verwandlung der ursprünglichen Einheit des Bewussiseins durch das Selbstbewusstseinr das mit dem Begriff des Menschen untrennbar verknüpft ist und doch zugleich eine Spaltung des ursprünglichen Seins bedeutet. Auch dies eine (von Ricarda Huch unausgesprochene) Deutung der Erkenntnis von Gut und Böse in der Genesiserzählung. Nur das Gleichgewicht in diesem Doppelbewusstsein, so fasst es Ricarda Huch, verbürgt die seelische Gesundheit des Menschen. Überwiegt aber das Selbstbewusstsein das Gottesbewusstsein, so erkrankt die Seele. Diese Krankheit ist die Sünde — die Ab-Sonderung, wie das scharfe Ohr der Sprachkundigen das Wort fasst. Die Bibel nun ist die Geschichte von dem Walten des Gottesgeistes im Leben der Einzelnen und der Völker und