Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Tschechoslowakischer Brief
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 514 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S14 spruch denken, dass nur derjenige Staat der beste wäre, an dessen Spitze ein Philosoph stünde. Nun, iwir haben einen Philosophen! Können wir Juden jedoch sage», unser SUai wäre der beste; liesse man auch die leidige Judenfrage aus dem Spiele? Es hat sich gar nichts geändert bis auf den heutigen Tag. Es ist mir, wenn ich die täglichen Blätter lese, als ob niemals ein Krieg gdx)ht hätte; es deucht' mir, afö wäre ichf noch im alten Oesterreich, denn wohin auch der Blick sich richtet, überall derselbe Streit um Strassentafeln, um "Schulen, wie in der Vorrevolutionszeit, überall ein wüster, rüder Antisemitismus. Da schlägt man jüdische, galizische Flüchtlinge in Brünn, dort attakiert man französische Damen, weil sie deutsch sprechen — es war in Prag —, hier reisst man den Juden am Barte, dort zieht man ihn bei den Schläfenlocken, In Lundenburg müssen jüdische Kaufleute ihre Geschäfte schliessen, weil tschechischer Mob Kunden mit Gewalt zurückhält. Skandalszenen auf den Strassen Brünns, Demonstrationen gegen deutsche Firmen-■ tafeln, Beschimpfungen undi öffentliche Beleidigungen der Juden, führten, unter Androhung der tschechischen sozialdemokratischen Arbeiterschaft, sie selbst würde Ordnung schaffen, wenn die Behörden dazu unfähig wären, zu dem Resultate, dass ein französischer Divisionär Stadtkommandant und Befehlshaber der'mährisch-schlesischen Armee wurde. So weit kam es bereits in der tschechoslowakischen Republik. Die Regierung, die uns jadmi zu Beginn der Republik alle möglichen Rechte zugesagt hat, hält ihre Versprechungen nicht. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität wird bereits von Militärbehörden, mit Bezug auf einen Erlass des Ministeriums für Landesverteidigung (Klofac) verweigert, die jüdischen heimkehrenden kriegsgefangenen Sokfaten werden ihren Kameraden nicht gleichgestellt; bei Besetzung von Staatsbeamtensteilen werden bereits „Taufscheine" verfangt; in der Slowakei entzieht Minister Srober allen jüdischen Schänkem die Lizenzen, dem Juden wird von den slowakischen politischen Behörden — die vor % Jahren noch magyaronisch waren — die slowakische Nationalität aufgezwungen. All dies Anzeichen einer Reaktion, die ins altösterreichische System zu.führen droht. Die Juden, eingekeilt zwischen Deutschen und Tschechen, wollen noch immer nicht begreifen, dass das Bekenntnis zur jüdischen Nation gleichzeitig die (Erfditung striktester Neutralität bedeute, stehen noch immer zu einem grossen Teil im deutschnationalen Lager, ganz, zu schweigen, von der ganz minderwertigen Sorte der tschechischen Juden, die in ihrer tschechischen Assirnilationssucht noch doppelt und dreifach verwerflicher sind, denn die deutschliberalen Juden. Ein Chaos wurde durch ein noch grösseres Chaos abgelöst. Nationaler Chauvinismus, augenblicklicher Siegerrausch macht sogar einsichtsvolle Männer blind, die in ihrer Verblendung alles Nichttschechische ausmerzen uitd aucroiten möchten, Iii solchen Situationen, angesichts solcher Vorkommnisse ist man unwillkürlich gezwungen, zu fragen: Wie ist denn dies alles nur mög- Ecla in einem Staatengebilde, das von einem M a s a r y k geleitet wird?