Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Tschechoslowakischer Brief
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 513 (sequence 1)
- Language
- German
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513 Tschechoslowakischer Brief ' . Von Qerschoti ha-Kohen . ' Im September 1919 Als am 28. Oktober 1918 dte alte österreichisch-ungarische Monarchie zertrümmert wurde, der Herbst einem Völkerfrühling gleichkomme« wollte, dk einzelnen Zellen des ehemaligen Habsburgerstaates z?j selbständigen Staaken sich zu konsolidieren begannen; der Arbeiter glaubte, die Morgenröte des sozialistischen Zukunftsstaates breche am blutigen, durch Hekatombe« gemordeter Menschheit — besser Mannheit — gefärbten Himmel an; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zur Devise erhoben wurde, gleich wie in den Augusttagen des glorreichen Jahres 1789 da —, nun da wähnten auch wir Juden der Tschechoslowakei, nun seien unsere Fesseln gesprengt, und auch für uns bSühe neues Leben aus den Ruinen. Wenn ein Volk aus einer 300/ährigen Knechtschaft befreit wird, wenn nach 300 Jahren der Leiden und Verfolgungen das tschechische Volk sein drückendes Joch abschütteln konnte, da war für uns Juden die Hoffnung vorhanden, dass auch uns für unsere 1900jährige Robottarbeit, die Freiheit winke, dass auch wir frei, gleich und brüderlich werden behandelt werden, um so mehr, als die Vorkämpfer der tschechischen Unabhängigkeit Karl Havlicek-Uorovsky und Franz Palacky in den 40er Jahren des verflossenen Säkulums der Juden wohl gesinnt waren. Ja, diese Hoffnung wurde noch bestärkt durch den Umstand, dass an die Spitze der tschechoslowakischen Republik ein Mann gestellt wurde, der als Ethiker, als Eugeniker, als Mensch, weit über die Grenzen der alten Habsburgermonarchie bekannt war, Prof. Dr. Th. O. Masaryk. ' Prof. Masaryk, nun Präsident Masaryk, war niemals in den Reihen der tschechischen Parteien zu finden, die nationalistisch, die chauvinistisch — und somit antisemitisch — sich gebärdeten. Im Gegenteil, er stand oft im Gegensatz zum ganzen Volke, will sagen beinahe zur gesamten Presse des tschechischen Volkes, denn das breite Volk hatte wenig a:n den strittigen Fragen des Tages teil. So überraschte Masaryk die aufgeregten chauvinistischen Geister durch seine Nichtanerkennung, der Königinhofer Handschrift, so verwunderte sich das tschechische Volk, wilf sagen die tschechische Presse, ob seiner Haltung im Ritualmordprozess H i I s n e r, in welchem Prozesse Masaryk als Mensch gegen die Blutbeschuldigung aufstand, von einem Teil der Presse nicht verstanden, von einem anderen Teil der Käuflichkeit beziehen — hatte ihn doch noch kurz vorher Adalbert Graf Sternberg: einen Verräter am tschechischen Volke . geheissen. Immer aber war Masaryk dort zu finden, wo es hicss der Wahrheit die Ehre geben, wo um wahre Menschlichkeit gekämpft, wo Recht verteidigt werden sollte. Wenn nun ein solcher Mann — der. noch Ende 1913 der Vereinigung „Nova ausiria" angehörte mit dem Motto: „si vis paoem^ para pacem!" 'L an <iie Spitze eines Staatswesens berufen wird, getragen, angeblich vom der Achtung und Liebe seines ganzen Volkes, geachtet aber sicherlich von allen .Bewohnern der Republik, so müsste man beinahe an Plato's Aus-