Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Die politische Entwicklung im polnischen Judentum während der Zeit der deutschen Okkupation
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 507 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908752-2912132--2703-2912170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
507 Auch da fehlten eben an massgebender Steife die Leute, die die Geschichte des Ostjudentums kannten. Und das führt wieder auf eine Haüptschwäche der ganzen Behandlung jüdischer Fragen im Rahmen der Verwaltung des okkupierten Ostens: Man hat Politik getrieben, statt zu verwalten, man hat einen ausgesprochenen Politiker mit einer Aufgabe betraut, die richtigerweise als ausschliessliche Verwaltungsarbeit aufzufassen war und die auch ganz besondere Kenntnisse erheischte. Und deshalb liegt die Verantwortung für die MisserfoFge eben auch bei der höheren Stelle, die die culpa in eligendo zu tragen . hat. Von einem in einer ganz bestimmten politischen Strömung stehenden, von der Richtigkeit seines Parteiprogrammes felsenfest überzeugten Parlamentarier darf man nicht eine absolut apolitische Verwaltungsarbei* erwarten, und einer ausgeprägten politischen Persönlichkeit der deutschen Fortschrittspartei dürfte man zum Beispiel auch nicht zumuten, dem Zionismus gegenüber eine Stellung einzunehmen, die die Grundanschauungem des liberalen deutschen Judentums geradezu zu verleugnen gezwungen haben würde. Aber freilich Von all den Problemen und Zusammenhängen hatte doch keiner der massgebenden Juden eine Ahnung, als es sich um die Inangriffnahme einer Zivilverwaltung Polens handelte.. Wer wusste denn, dass die Stellung zum Zionismus einen Einfluss auf den Gang der Dinge haben könnte? Und wie viele preussische Verwaltungsbeamte hatten vom Zionismus eine andere Vorstellung, als dass es sich da um eine fanatische Schwärmerei einer kleinen Gruppe von Juden handelte? Gewusst hat man doch darüber nicht viel mehr, und das musstc sich natürlich rächen. Und insoweit ist eben doch das alte System Mit-Ursache auch dieses Zusammenbruches, Ein Verwaftungsbeamter oder ein Offizier brauchte nur an eine Stelle gesetzt zu werden, der gute Witte konnte vorausgesetzt werden und dann musste es eben auch gehen. Tausend und abertausendma! freilich ist es damit genug gewesen, aber eben doch nicht immer. So kommt es, dass trotz der nicht gerade günstigen, aber doch auch nicht schlechsten Bedingungen, unter denen die deutsche Politik im östlichen Okkupationsgebiet sich einen guten Ruf in der Stellungnahme zu dem Riesenproblem der Judenfrage zu erwerben vermochte, gar nichts positives erreicht wurde. Es ist ja, in der Judenpolitik so oft die Gelegenheit versäumt worden, spielend einen Stein im Brett zu gewinnen, der unsere Aussichten in der grossen Politik wesentlich zu verbessern vermochte, wir haben diesen Vorsprung, so oft es nur ging, den anderen Nationen überlassen. Dr. Roth fasst die Hauptgründe des Versagens der deutschen Politik in Kongresspolen in folgenden Fehlern zusammen: 1. Fehlen tüchtiger Sachverständigen, 2. Fehlen eines klaren Programms in der Polenfrage, 3. Unterlassung einer klaren Auseinandersetzung mit Oesterreich, 4. Allgemeiner Zug sich treiben zu lassen, statt zielbewusst vorzugehen. Diese Fehler treffen in der Tat zu* und zwar auch für die JudcnpoHtik, im besonderen. Heute, wo es vor allem gilt, dea Mut nicht sinken zu lassen, wollen wir uns hüten, die prinzipiellen, aus vofksspychoiogischen Eigen-