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Neue jüdische Monatshefte · 1919-09-10 · Heft 23-24 (10.9.1919) · p. Seite 506

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 23-24 (10.9.1919)
Article
Die politische Entwicklung im polnischen Judentum während der Zeit der deutschen Okkupation
Date
1919-09-10
Page
Seite 506 (sequence 4)
Language
German
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506 nicht so unvermittelt wirksam geworden. Genützt hat diese für deutsche Verhaltnisse begreiflichey,. im Osten ganz und gar unhaltbare Oesinnung der massgebenden Persönlichkeit natürlich in keiner Weise. Das jüdische Referat musste in so vielem endlich doch nachgeben. Insofern hat es gut in den Rahmen der Oesamtpolitik des Generalgouvernements hineingepasst: Zugeständnisse immer dann, wenn es zu spät war. Und einigermassen passt auf vietes auch das V/ort eines französischen Sozialisten: on n'a pas su, on n'a pas voulu, on n'a pas ose. Immer auf Grund mangelhafter Informationen ein halb gewollter, halb durchkreuzter Anlauf, und dann das Retraite-Blasen. Freilich, Herr Dr. Kohn hat auch zu viel gewollt. Das Schicksal der Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft vom 1. November .1916 und alle an sie anschliessenden innerjüdischen Vorgänge, wie insbesondere die Gemeindewahren, die bis zum Ende (der Okkupation nicht zustande kamen, Sind Beweise für die Erfolglosigkeit, — nein, für die absoluten Misserfolge des im Geiste des Agudas Haorthodoxim geleiteten jüdischen Referates. Wer darüber näheres erfahren will, der lese in dem Buche selbst die gedrängte Darstellung' sozusagen * der Leidensgeschichte des jüdischen Referates. Denn gutes, ja bestes Wollen wird man den Männern, insonderheit dem Referenten Dr. Ludwig Haas, niemals absprechen dürfen. Die Grundlage der Fehlerhaftigkeit ist nur in den Vorurteilen zu suchen, von denen die tatsächliche Politik geleitet war. Der Referent und wohl ebenso Dr. K o h n waren erfüllt von der Ueberzeugung, dass eine soziale Masse, der ein Berüfsstand vollständig fehle, wie den Ostjuderä der Bauernstand, nicht zu einem eigenen Volksleben gelangen könne. Ich möchte das als eine Schwäche der Steinischen Darstellung nicht unerwähnt lassen, dass die Motive der Politik des jüdischen Referates nicht genügend zur Geltung kommen. Kennzeichnend ist für diese Motive beispielsweise auch die Idee, die geraume Zeit die GenTuter fesselte, man müsse eine jüdische Legion im Rahmen des türkischen Heeres organisieren, und die Rekrutierung dieser Legion sollte vor allem in Polen erfolgen. Mögen dabei natürlich auch der Wunsch und die Hoffnung der Heeresverwaltung — sie haben namentlich im Herbst 1916 so verhängnisvoll die Entschliessungen beeinflusst — mitgewirkt haben, das Menschenmaterial Polens den militärischen Zwecken der Zentralmächte dienstbar zu machen, so spielte in dieser Idee doch auch die Aussicht eine Rolle, auf solchem Wege in die proletarischen jüdischen Massen einen neuen Zug zu bringen, die arbeitslos in den Strassen der grossen Städte herumlungernden Wehrfähigen einer Beschäftigung und einer Existenz zuzuführen. Auch Bestrebungen wie die Aktion Auhagens, jüdische junge Leute zur Arbeit in landwirtschaftlichen Kolonien heranzuziehen, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Auch in diesen Richtungen hat sich) das jüdische Referat ernstlich bemüht, obgleich nach den wahrlichnicht allzu spärlichen Erfahrungen, die man in Russland mit jüdischen Kolonisierungen gemacht hatte, auch darin zweckmässiger vorgegangen werden konnte.

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