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Neue jüdische Monatshefte · 1919-09-10 · Heft 23-24 (10.9.1919) · p. Seite 505

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 23-24 (10.9.1919)
Article
Die politische Entwicklung im polnischen Judentum während der Zeit der deutschen Okkupation
Date
1919-09-10
Page
Seite 505 (sequence 3)
Language
German
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505 politischen Ideen? Und war nicht dann die Judenpolitik eben nichts anderes als. Polenpolitik? Und wäre nicht eine absolute Neutralität in dem Gegensätze der polnischen und jüdischen politischen Interessen das Richtigere gewesen? Es ist hier nicht der Platz, diese Fragen zu entscheiden. Ich. teile das Urteil Dr. Roths über den schöngeistigen, selten liebenswürdigen und doch durchaus nicht so sehr entgegenkommenden Botschaftsrat. Nicht nur musste man sich von ihm. menschlich! angezogen fühlen, sondern es konnte auch seiner politischen Idee (die Polen durch weitgehendes Entgegenkommen zu gewinnen) eine gewisse Bestechungskraft nicht abgesprochen werden. Aber sie hing freilich, wie er mir selbst zugab, an der stark pazifistisch angehauchten Ueberzeugung, dass der Nationalismus nach dem Kriege eine abgetane Sache sein würde und sie übersah vollständig, dass es niemals gelingen kann, ein Volk, in dem man durch Jahrzehnte den riass gegen sich zur Flamme schüren lasst, unter Besatzungs- und Blockadeverhältnissen, ein Volk, dessen Land man ausbeuten muss, sich in wenigen Monaten zum Freund zu machen. Diese Freundschafts-Witterung in der diplomatischen Aera von Mutius — die Gefolgschaft des Merrn von Beseler bestritt zwar immer, dass irgend eine andere Persönlichkeit als cTieser selbst die Politik mache, das war aber sehr irrlgl — wurde uns zum Verhängnis. Nicht nur in der Polenpolitik, denn 'die richtige Einschätzung der Polen als Ententefreunde hätte vielleicht doch auch unser Verhalten zu Russland 1916 noch anders gestalten können. Zum Verhängnis aber natürlich auch in der Ostjudenpoliiik, in der es für uns überhaupt nur ein laisser faire, laisser aller gab, das heüsst die aller weitestgehende Neutralität. Diese aber freilich auch in der Verwaltung mit strengster Ahndung; des gerade in jenen Teilen der Verwaltung überall fühlbaren Antisemitismus, die die stärksten Berührungsflächen zwischen-Publikum und Verwaltungsorgan boten. Auch die „Aufopferung der Juden" in der Mutiusischen Polenpolitik, wie Stein diese Wendung in der Behandlung der Judenfrage richtig kennzeichnet, hätte einen anderen Charakter gehabt, wenn die Judenprobleme eben mit strengster Konsequenz als innerpolitische Angelegenheiten der künftigen Staatswesen behandelt worden wären. Und hier setzt die Darstellung mit ihrem wertvollsten Teile ein, indem sie dartut, wie gerade das „jüdische Referat" über das kulturelle Gebiet, für das es eingesetzt war, hinaus seine Grenzlinien überschreitend, sich „auf die völlig erfolglose Bahn der Versuche begeben hätte, die Masse des polnischen Judentums unter dem Deckmantel der orthodox-religiösen Ideen mit Hilfe kulturfeindlicher, chassidischer Rebbes zu entnationahoieren", Damit ist die Politik des Herrn Dr. Kohn richtig gekennzeichnet und das jüdische Referat war ihr Ausführungsorgan. Dieses Referat war auf viel zu schmaler Basis aufgebaut. Es wäre manches anders gegangen, wenn auch andere und für die Ostjudenfragen dank wirklich em Wissen über das Ostjudentum massgebende Kräfte in die Verwaltung der jüdischen Angelegenheiten berufen worden wären. Dadurch wäre wenigstens die schroff antizionistische Stimmung des Referenten

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