Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Die politische Entwicklung im polnischen Judentum während der Zeit der deutschen Okkupation
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 504 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908752-2912132--2700-2912167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S04 e^aissc ■'•auf dieses Judentum Kongresspolens, innerhalb dessen, wie der Verfasser richtig bemerkt, die Begriffe Assimilation — Nationalismus — Zionismus — Antisemitismus die Leitmotive für'die politischen Bewegungen waren. Aber diese ersten 'Bewegungen waren embryonal, bis der verhängnisvolle Wechsel zwischen dem Zarenaufruf „an meine lieben Juden'4, den* Manifest der deutsch-österreichischen Okkupationsarmeen, dem Autonom ie-Erfass Nikolai N&olajcwitsch usf. die Bewegung immer weiter in die bisher apolitische Masse der Juden tragen musste. Das Erwachen begann, dass man endlich werde auch politisch Stellung nehmen müssen. Und da ragte immer höher hervfor die Ffagge des Nationalismus und immer schroffer erldang der Feldruf der Assimilativen. Die deutsche Politik' hat bekanntlich anfänglich nicht ohne Geschick die nationale Richtung unter den Juden zu> fördern unternommen. Alan darf Cleinow die Anerkennung hierfür nicht versagen. Aber such er blieb nicht konsequent und bald folgte ein Fehler dem .anderen. Schon die Schulverordnung (24. April 1915) des Oberbefehlshabers Ost war gerade vom Standpunkte der deutschen Untereren ein Fehler. Dem Ostjudentum hat sie meines Ermessens genutet, sie brachte eine Lösung, nach der wir ,die Interessengruppen immer klarer bilden und von einander unterscheiden irmssien. Es Esst sich gewiss darüber streiten, ob es nicht vielleicht richtiger gewesen -wäre, die chronologischen Zäsuren der Darstellung nach dem Gange der eigentlichen politischen Aktion zu wählen. Dann wäre wohl das Eingreifen der deutschen Orthodoxie (Frankfurter Richtung) in die polnischen Judenfragen auch in der Stoffgruppierung zur Geltung geteiaffien. Denn für die Gestaltung 'der JudenpQÜtHc in Polen wurde dieser Fehkr du Madcsteia. Freilich war dieser Markstein anfänglich wenig sichtbar. Man Hess die- Herren Dr. Pinchas Kohn aus Ansbach und Carlebach aus Köln eben einfach wie so viele andere Politiker und religiös Interessierte auch nach Warschau und in andere polnische Städte reinen. Und wer weiss, würe es nicht die überaus betriebsame und persönlich gewinnende Persönlichkeit Dr. 'Pinchas Kohn gewesen, vielleicht wäre der Schachzug der deutschen Verwaltung nur ein* Wirkungsloser Figurenabtausch geblieben. So aber wurde Dr. Kohn wahrlich zum ..Sauerteig in dem Jiochsi eigenartigen Gemisch von bestimmtem Wellen und unberufenem Dreinreden, von halbem Wissen und drei Viertel Glauben massgebender .Leute, aus dem die deutsche Verwaltung den Kuchen einer dem Deutschtum förderlichen Judenpolitik backen sollte, fch erinnere mich noch^so lebhaft, mit welchen höchsten Worten der Anerkennung, ja Begeisterung für Herrn Dr. Kohn Herr von Mut ins mich zu veranlassen suchte, meine ganz anders gerichteten Anschauungen darüber, was in der Judenfrage in Polen zu tun sei, von dein geistvollen Ansbacher Rabbiner revidieren zu lassen. Dass dessen zur Gründung der Agudas Haorthodoxim führende und dieses SAcclmilataoasorgan energisch ausnützende Politik den Wünschen der Polesi eißisenaassen zusagen musste, bestritt jeh keinen Augenblick, und ebenso v.ar klar, dass die damit auch in den Gedankengang des Herrn von Mut aus hinein passte. Fragt sich also: wie stand es mit dessen