Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Jüdische und europäische Politik
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 500 (sequence 5)
- Language
- German
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'500 m\kn Lage des jüdisdien Volkes» bewiest bleibt, wird wissen, dass es aodi für Jahrzehnte unmöglich sein muss, jenen agrepsiven Nationalismus zu ^eliminieren, der in der ganzen realen Struktur der Völker verwurzelt ist Es 'ist ein Glücksfall für die Juden, nicht ihr Verdienst, dass sie einem friedlichen Nationalismus folgen können. So einfach wie bei ihnen liegt.'das Problem bei keuiefm ianderen Volke und darum ist es tmicitgemäss, kkr Welt jetzt sdion den jüdischen Nationalismus als leicM erreichbares Vorbild hinzustellen. Aber gerade jene vorerwähnte Entwicklung des letzten Halbjahrhunderts, die jeden Kampf um nationale Befreiung in einem Kampf um Beherrschung umwandelt, kündet auch die Ueberwindung dieses Kampfes an, und dies in einer Weise, die in merkwürdiger Beziehung zur jüdischen Struktur steht: Der T e r r i - torialbegfrijff verliert bei allen Völkern allmählich ©eine ausschliessliche 'Gültigkeit. Mehr und mehr geht die Nationalitätentheorie dazu über, ihn durch den personalen Nationsfoegriff zu ersetzen. An die Stelle der Forderung nach der territorialen (oder Kron!ands-)Autonomie, die an "historischen Landesgrenzen festhalten wollte, trat die Forderung; nach der Personalautonomie, welche, vorn Territorium völlig losgelöst, jeder nationalen Gruppe ihre nationalen Rechte sichern 'will. Diese Entwicklung der Theorie war nicht Klügelei einzelner Denker; 'sie bildete nur den organischen Ausdruck für die tatsachlich vor sich gehende Entwicklung und darum gehört ihr die Zukunft. Das bedeutet aber, dass die Judsn mit ihrem Nationalismus auf einer Stufe stehen, welcher die anderen Völker im weiteren Verlauf sich immer mehr nähern m üss en. Das Galulbproblem haftet schon heute nicht nur dem jüdischen Volk an, und die Zeit fet midht mehr fern, wo man die gmze[ Nationalitätenfrage ausschliesslich als eine nationale Minoritätenfrage betrachten wird. Darum haben die Juden, we.nn sie ihrem Nationalismus dienen, das Bewusstsein, dass sie damit nicht nur ihre Aufgabe ihrem eigenen Volke gegenüber erfüllen, sondern dass sie auch der Entwicklung dienen und zur Entwirrung des europäischen Problems weitgehend beitragen. ' ' Dieses europäische Problem ist nicht nur ein Problem der Völkerversöhnung aus Gründen der Menschlichkeit. Ausschliesslich realpolitisch betrachtet, stellt es sich als die. Aufgabe dar, alfe Konfliktstoffe' zwischen den Völkern, d. h. also alle territorialen Streitfragen aus der Welt zu schaffen, um das balkanisierte Europa wieder zu einem Kentinent zusrunmenzuschweissen. Man 'ist sich selbst in politischen Kreisen noch nicht genügend darüber klar, dass künftighin Politik in Europa nur 'noch Sinn hat als K o n t i n e n t a 1 p o Iii i k. Schon sind wir auf dem besten Wege, ein Gemengsei von Kleinstaaten zu werden, 'die keine grössere Rolle mehr spielen als bisher etwa Paraguay, Uruguay, Bolivia, Peru usw. Das wirtschaftliche, politische und kulturelle Schwergewicht liegt nicht (mehr auf Europa. Dieses tritt, zerschmettert, (auch das verblutete Frankreich *zlihlt ja mehr zu den Besiegten als "zu den* Siegern), von der Weltbühne zunächst ab. Jn den ' Vordergrund schieben sich nunmehr die überkontinentalen Mächte