Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Jüdische und europäische Politik
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 499 (sequence 4)
- Language
- German
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49? Wicklung des Verkehrs, dem enormen Wanderphänomen (vom Land in die Stadt, von der Stadt über das nächste Industriezentrum ins Ausland und nadi Uebersee) und seiner die Zeit hauptsächlich charakterisierenden Loslösung von der Scholle die Bevölkerungsteile so durcheinander gemengt, dass die ursprüngliche Territorialgrenze keineswegs mehr der ethnischen Grenze entspricht. Teils siedelten sich auf dem Territorium selbst' fremde Volkssplitter, teils eigene Volkssplitter im fremden: Territorium an. Der Begriff Nationalstaat verlor immer mehr an Innerer Wahrhaftigkeit, das Durcheinander der Nationen war nicht mehr rückgängig zu machen. Hätte man aus solcher Wirrnis den Weg zur Wahrheit finden wollen, so wäre der Nationalstaat längst durch den föderativen Nationalitätenstaat ersetzt worden. Noch aber überwog der eigensüchtige Wunsch .nach uneingeschränkter Befreiung nur der eigenen Nation, und darum bekam dieser Wunsch mehr und mehr -einen agressiven Charakter. Und es zeigte sich bald, dass der eigenen territorialen Befreiung stets eine Unterdrückung fremder Minoritäten folgte. Gleichzeitig sprengte die territoriale Aspiration die historischen Landesgrenzen: sie erstreckte sich aus „ethnischen" Gründen und mit Hilfe der Phrase vorn nationalen Selbstbestimmungsrecht auf Grenzgebiete, die bisher unbestritten in fremdem Besitz gewesen waren, und folgte schliesslich der Erkenntnis» dass Sicherung der ethnischen Grenzen die Sicherung anderer und natürlich erweiterter Grenzien voraussetzt — sei es aus strategischen, sei es aus wirtschaftlichen Gründen. Insbesondere letztere schufen sich ein solches Uebergewicht, 'dass selbst Renner, der theoretische Begründer des nationalen Selbstbestimmungsrechbes, jenen Begriff des Wirtschaftsimperiums wieder einführte, der in seiner zweiten Hälfte bereits verrät, dass dem so geschmähten Imperialismus wieder alle Tore geöffnet werden. Dies alles hatte zur Folge, dass der Nationalismus eines jedcis Volkes, da er von territorialen Aspirationen nicht zu abstrahieren vermochte, notwendig agressiven Charakter trug* und notwendig Hass und Feindschaft zwischen 'den Völkern säte. Hier sehen wir bereits, wie sich der jüdische Nationalismus von dem der anderen Völker unterscheiden muss. Wir denken dabei noch sieht an ""Palästina, wo auch die Juden erst zu erweisen haben werden, inwieweit sie dort ihre territorialen Ansprüche in anderen Formen werden durchsetzen können als sie bisher üblich waren — aber in ihrer europäischen Aufgabe sehen sich die Juden des gefährlichsten Bailastes und des grausamsten Konfliktstoffes entledigt; frei von allen territorialen Ansprüchen können sie hier einem Nationalismus dienen, der von vornherein weder unduldsam noch agressiv ist, der die Dinge stets nur vom Standpunkt des nach Freiheit, wie vom Standpunkt des nach Herrschaft Strebenden betrachtet, derkeinerlei Imperialismus kennt und der die Völker nicht notwendig isolieren will. Nun darf man natürlich nicht in den alten Missionsglauben zurückfallen und wähnen, dass es den Juden beischieden sei, den anderen Völkern ihre Weltbetrachtung auizuoktroyieren. Wer sich der exzeptio-