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Neue jüdische Monatshefte · 1919-09-10 · Heft 23-24 (10.9.1919) · p. Seite 498

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 23-24 (10.9.1919)
Article
Jüdische und europäische Politik
Date
1919-09-10
Page
Seite 498 (sequence 3)
Language
German
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498 nationale Lösung. Das bedeutet einen gewaltigen politischen Antrieb für' die scheu und furchtsam gebliebene jüdische. Masse, und den Nationalräten strömen bereits Massen aus Jenen Kreisen zu, die noch vor kurzer Zeit ängstlich nach dem Urteil der „Anderen" äugten. Die Juden werden also an dem politischen Leben des neuen Europa einen ungleich stärkeren und bewussteren Anteil nehmen als bisher. Da sie nun in allen (fälschlich) so genannten „Nationalstaaten" des balkanisierten Mitteleuropa, vor allem in . den nach Zusammenschluss drängenden Sukzessionsstaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie, die ja heute ganz Polen, den halben Balkan und bald vielleicht auch Rumänien mit einbeziehen, -eine sowohl zahlenmässig wie auch wirtschaftlich und intellektuell sehr starke Oruppe bilden, da sie ferner im Deutschen Reich, wenn auch nicht zahlenmässig, so doch in Wirtschaft, Politik und Presse weitgehende Wirkungsmöglichkeiten besitzen, und da sie schliesslich für die nächste Epoche in Paris, vor allem aber in London (und auch in Washington) grossen politischen Einfluss behalten werden, kann die Art und Weise, in welcher sie die europäischen Probleme betrachten, vielleicht von 'sehr grosser politischer Tragweite werden.; i : ( 11! Versuchen wir nun zu erfassen, welches diese Art und Weise sein könnte, so müssen wir uns hüten, in den Fehler jener Moralisten zu verfallen, die da glauben, mit einem Apell an den „braven Mann" und mit einem frommen Augenaufschlag die Welt verbessern zu können. Wer die Politik nicht ethisch, sondern politisch anpackt, muss mit den Menschen und Dingen rechnen, wie .sie sind, nicht wie sie vielleicht sein sollten. Es kann sich uns also nur darum handeln, zu prüfen, ob und inwieweit die exzeptionelle Lage des jüdischen Volkes inmitten der anderen Völker ihren adäquaten Ausdruck in einer exzeptionellen Stellungnahme gegenüber den gesellschaftlichen und politischen Problemen findet. Haben wir das Wesen dieser Stellungnahme eist erkannt, wird noch Zeit genug zur Prüfung bleiben, ob von ihr ein Fortschritt zu erwarten sei oder nicht. Eine solche Ableitung erfordert eine gründlichere Untersuchung als in diesem Aufsatz möglich ist. So werden wir uns hier darauf beschränken müssen, nur ein Teilproblem herauszugreifen: das natioffialitätenpolitische. Das nicht minder wichtige soziale. Problem bedarf einer gesonderten Betrachtung. j * # 1 * Es gehört zu den wesentlichen Bestandteilen des landläufigen Nationalismus, dass er nicht ohne Verknüpfung mit territorialen Aspirationen gedacht werden kann. Bei allen Völkern herrscht noch die Vorstellung vom eigenen Boden, der erbgewohnten Scholle, al? Kriterium des Volksseins. Darum zielen oder zielten wenigstens bisher alle nationalen Strebungen darauf, hin, dasjenige Territorium herauszulösen und zu „befreien", auf welchem die einheitliche Oruppe der betreffenden Nationsgenossen ansässig war. So bildete der Begriff vom nationalen Einheitsstaat das Ziel der meisten nationalen Erhebungen, Befreiungskämpfe usw. Nun hat aber das letzte Halbjahrhundert mit seiner Ent-

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