Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Jüdische und europäische Politik
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 497 (sequence 2)
- Language
- German
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497 manche Zeit vergehen, bis alte Zionisten es ganz begriffen haben werden: dass keine noch so phantastisch grossen Einwanderungsprojekte die europäische Komponente des jüdischen Problems ausscTi alten können. Diese Erkenntnis kann nicht deutlich genug unterstrichen werden. DasjüdischeVolkhatjiichtnurinPalästina,eshatauch nach wie vor in Europa eine Aufgabe zu erfüllen. Drüben hat es sich seine Existenzform zu gestalten, es kann versuchen, sein Geschick ein wenig herauszulösen, aus dem Geschick der anderen Völker und sich ihm allein zu widmen. Hier aber bleibt es nach wie vor verknüpft mit allen Völkern seiner Umweh, nimmt an ihren Sünden teil wie an ihrem Glänze, wurzelt in ihrem Glück wie in ihrem Untergang und ist ihnen auf Tod und Leben Untertan. Da nun der von voreiligen Propheten verkündete messianische Geist noch immer keine Anstalten macht, herniederzusteigen, und da die Welt durch das grosse Naturereignis des Krieges nur schwächer und schwächlicher, nicht aber in ihrem Wesen anders geworden ist, sind die Probleme der Zukunft in grossen Umrissen die gleichen wie die der Vergangenheit. Weder die nationalistische noch die imperialistische Triebkraft hat an Intensität verloren. Immer noch drängt es zu engerem Zusammenschluss der Menschen von gleichem Blut, gleicher Sprache, gleichem Geschick. Immer noch treibt es zur Sicherung und Erweiterung materieller Existenz. Kapitalismus als durch nichts zu hemmender Expansions- und Produktionsdrang jeder Art Produktionsmittel, als Ausdruck übermächtiger Schöpferkraft des Menschen und der Erde befruchtet auch weiter den Boden der Wirtschaft, und die masslose Unterproduktion, die ganz Europa in Hungersnot bannt, scheucht den Sozialisierungsdrang hungriger Proletariermassen in enge Grenzen. Das neue Europa unterscheidet sich vom alten nur durch die Vervielfachung des Elends — in den herrschenden Triebkräften bleibt es dasselbe und an der Problemstellung ist durch die Katastrophe nicht geändert worden. Wenn aber so die Atmosphäre, in welcher die Juden Europas bleiben, die gleiche sein Nvird wie bisher, so werden sie es doch anders spüren und werden sich anders dazu einstellen. Sie waren bisher politisch völlig passiv — in den letzten Jahren aber wurden sie politisch aktiviert. Ueberall treten sie zu Kongressen oder Nationalitäten «zusammen, überall drängt es sie, auch landespolitisch ihre Position zu klären, zu allen Wahlen stellen sie eigene Kandidaten auf, selbst im deutschen Wien haben sie sich den Eintritt in das Parlament wie in die Kommunalyerwaltung erzwungen und sich eine politische Tagespresse geschaffen"— kurz, überall, bei allen politischen Instanzen heischen sie mehr und mehr Berücksichtigung. Da überdies die neue Landkarte fast lauter Nationalitätenstaaten aufweisen und fast jeder Nation eine oder mehrere fremdnationale Minoritäten zuweisen wird, gewinnt das Minoritäteuproblem, welches das jüdische Problem an sich ist, internationale Bedeutung und, wie die Versailler Beschlüsse zeigen, inier-