Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Aus der Welt des jüdischen Volksliedes [Rezension]
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 491 (sequence 3)
- Language
- German
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489 büchlein bringen — der Leser sollte in den Stand kommen, sich1 an den Dingen selber ein Urteil zu bilden, ob ich zu meiner hohen Wertschätzung der (östlichen Volkslyrik berechtigt war oder nur in eingebildeten Gefühlen geschwelgt hatte» Der Zwang jedoch, dieses Liederbuch nicht etwa auf einige Proben zu beschränken, sondern die dichterischen und musikalischen Qualitäten unseres Volksliedes umfassend, in erschöpfenden Proben jeder Liedergattung darzutun, ergab sich aus folgender Ueberlegung: Wie überhaupt jene Seite von Kulturschönheit, die man die judäisierende nennen könnte und die die Entdeckung des eigenen Volkstums und seiner hochgetürmten Kultur für Westjuden zum Ziele hat, völlig unsystematisch und ideenlos bisher vor sich ging und noch jetzt in der Hauptsache eine Domäne zielloser buchverlegerischer Tätigkeit ist, so ist auch die Sache des jüdischen Volksliedes durch die Art, wie man es Westjuden vorgesetzt hat, mehr kompromittiert und verringert als gefördert worden. Es ist kaum möglich, dass ein Mensch von Geschmack und Kultur durch die unzulänglichen Uebersetzungen Eliasbergs und N a d e 1 s oder gar durch die dargebotenen Kompositionen unseren Volksliedern näher kommt. Nadel ist zwar in einigen seiner jontefflieder dank der Unterstützung durch Isaak Spielrein, einer der wenigen guten Kenner des Jiddischen und seiner Phonetik, besonnener vorgegangen als in den unmöglichen Lieberbeigaben zu Ost und West. Aber die Anforderungen, die von der eigentümlichen, allem Ostjüdischen entfremdeten Situation der westlichen Juden an den Herausgeber solcher Liedersammlungen gestellt werden, sind bisher nirgendwo erfüllt. Man hat doch zu bedenken, dass hierzulande der Leser immer die ihm bekannten deutschen Volkslieder zum Vergleich heranziehen wird. Das sind meistens ausgewählte und hochwertige Stücke; dass es auch im deutschen Volksgesang eine grosse,, in jeder umfassenden Sammlung vorzufindende ZahS matter und belangloser Dinge gibt, weiss selbst der musikalisch Interessierte selten! Nun findet' aber der deutsche Jude in den Ausgaben östlicher Lieder, die ihm bisher bekannt wurden, ein Gemisch von wenigen gültigen und vielen nüchtern oder schwächlichen Volksliedern vor. Diese wenigen repräsentativen Lieder sind dabei meistens durch eine rohe musikalische Bearbeitung, durch angeklebte Vor- und Nachspiele und durch eine ganz verfälschende Art der Textübertragung in abendländischen Satz stark beeinträchtigt, während die überwiegende Mehrzahl der hier bekannt gewordenen Lieder mit dem Volkslied gar nichts zu tun hat und einer Art von Kunstlyrik angehört, die ähnlichen Ranges ist wie Baumbachsche, Rudolf Hertzogsche und dergleichen „Lieder im Volkston". Im Blauweiss-Liederbuch (II. Auflage), das eine repräsentative Auswahl geben wollte, befanden sich unter 18 angeblichen Volksliedern nur 7, die man irgendwie dem Volksschaffen einreihen könnte, aber auch von diesen 7 waren im besten Falle 3 als mustergültig anzusprechen. Die restlichen 11 Lieder gehörten der Kunstdichtung, dem „badchen" (diesem bemerkenswerten Erheiterer jüdischer -Festlichkeiten) und sogar der Operette an. Genau so überwiegen in Roskins und ähnlichen Ausgaben die unechten Dinge das legitime Volkslied.