Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Aus der Welt des jüdischen Volksliedes [Rezension]
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
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488 tausche sich nicht über die Bedeutsamkeit einer solchen unaufdringlichen und doch überzeugenden Werbung für westliche Juden. Wer aufmerksam zusieht, der begegnet heute in den Kreisen der jugendlichen, die ja am ehesten für lauteres Kulturgut entflammbar sind, aber auch bei vielen erwachsenen Westjuden einem ehrlichen Verlangen, irgendwie endlich Zutritt zum eigenen Volk, zu* den Ostjuden zu erhalten. Dieser Ueberdruss an dem bisher gepflegten äüsserlichen nationaljüdischen Getue, die Sehnsucht nach jüdischen Inhalten und enger Verbindung mit dem eigenen Volk kündigen sich allenthalben bereits an. Meistens erlahmt aber diese wertvolle seelische Spannung schon an den ersten mühseligen Versuchen^ das Hebräische grammatikalisch zu bezwingen oder durch organisatorische Arbeit für das (doch immer entegene und verhüllte) Volk in die Zentren jüdischer Wesensart vorzudringen. Einen günstigeren Weg bieten die Volkslieder — diese Verdichtungen jüdischer Mentalität und seelischer Besonderheit. Auch dies ist kein Königsv/eg, ist nur Zugang zu dem Vorraum der schwereren wesentlichen Pinge, aber er gewährt doch, kaum dass man ihn betreten hat, bereits . Ausblicke, Entdeckungen, greifbare Inhalte und gerade jene Erlebnisse, die am unmittelbarsten, durch das Fluidum des Reims und der Melodie, in die Seele eingehen. Solches erwägend habe ich für den ,Ausschuss für jüdische Kulturarbeit' ein Merkbüchlein geschrieben, in dem ich meine eigenen mühseligen Erfahrungen den Nachstrebenden nutzbar zu machen suchte.1) Soweit das bei musikalischen Dingen, ohne redselig und sentimental zu werden, durch das beschreibende Wort möglich ist, habe ich dargetan, wie es um den kulturellen und seelischen Untergrund dieser Lieder bestellt ist, was die echten und originalen Dinge von den in Mode stehenden Verfälschungen unterscheidet; ich habe die eigentümliche ostjüdische Singweise, die allein diesen Gesängen angemessen ist, begrifflich fixiert, den augenblicklichen Stand der Sammelarbeit an diesen noch immer im Volk verborgenen Kunstwerken eingehend dargestellt und alles, was bisher an Liederausgaben vorliegt, kritisch gewertet. Natürlich habe ich das alles nicht wie für Vertraute, in den Dingen bereits Heimische geschrieben1. Vielmehr musste ich mich beständig auf die eigentümlichen Erfordernisse der dem Volk noch fremden westlichen Juden einstellen und berücksichtigen, dass ich bei dem Leser zunächst kaum Verständnis finden würde, wollte ich den Orad der Vollendung und der Schönheit der einzelnen Gesänge in den Mittelpunkt meiner Untersuchung stellen. Trotz dieser Beschränkung, die mir in der Aeusserung meiner eigenen Erlebnisse und Werturteile auferlegt war, glaube ich, dass ein Westjude, der bis dahin ziemlich gelassen und interesselos an allem Ostjüdischen vorbeiging, durdi die Schilderung dieser ihm unmittelbar berührenden Verhältnisse doch einen merkbaren Ruck zum Volke hin verspüren wird. Für die Herausgabe des Liederbuches waren andere Gründe massgebend. Gewiss, es sollte eine lebensvolle Ergänzung zu dem Merki ollDiASJüdische Volkslied. Ein Merkblatt, Jüdischer Verlag, Berhn 1919.