Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Offener Brief an Herrn Georg Hermann
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 486 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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484 In einem Zweiten sprechen Sie sich über die Zukunftsprobleme aus. Nur angedeutet allerdings: „Die.Zukunft der Menschheit sei unser Zion (nicht örtlich und staatlich begrenzt)." Und anschliessend daran vom Zionismus: „Wenn er in jener Form Wahrheit würde, wie er heute erstrebt wird, eine gesicherte Heimat für bedrängte Ostjuden, ein,' geistiges Zentrum für die Juden der ganzen Welt zu sein — ich würde nicht mehr so schroff nein zu ihm sagen. . . Wenn Zion wieder erstanden ist, was wird dann, verehrter Herr Georg Hermann , Ihr auch weniger schroffes „Nein" dazu bedeuten? Soll dann dieses Nein das jüdische Zentrum in seinen Grundmauern erschüttern oder meinen Sie vielleicht — und gesagt haben Sie es diesmal nicht, obwohl Sie die Sprache wie kein zweiter sich dienstbar machen können — dass Sie dann mit den Millionen Juden, die im Golus leben un,d ihre bislang wenig fruchtbare Mission den Völkern aufdrängen wollten (wie neuerdings T r o t z k y und B e 1 a Kuhn), nicht so ganz den Zusammenhang mit Zion aufgeben werden? Der Satz, ich gebe zu, den Sie niederschrieben, klingt schön, aber politisch und volkswirtschaftlich erscheint er mir zu — literarisch. Ueberhaupt führt Ihre eigene Uninteressiertheit an den Pogromen und dem grauenhaften Elend der Juden zu einem rein ästhetisch modernen Judentum jenseits von Volk, Sprache und Religion, zu Formen, wie sie der tatenlose Onkel Jason, der in Schönheit sterbende Nachfahre eines tatenreichen Geschlechts liebte, zu einer Blutlosigkeit und Leere. So zerfliesst das Judentum in Ihren Händen zu einem literarischen Kunstwerk — aber leider nur zu einem Kunstwerk. .„u.^. Noch ein Letztes. In einer Ecke Ihres Essays deuten Sie den Zionismus „als einen Notbehelf, ein Uebergangsstadium, einen Aktivismus, selbst wenn er auf Religiöses und Sprache verzichten wollte". Vermutlich also Verzicht auf das Hebräische, so dass die }uden in Palästina Arabisch lernen sollen oder in zwei Dutzend Mundarten radebrechen. Die Achtung vor der Realität der Dinge, besonders aber vor der Bedeutung des Loschen kaudesch, unserer heiligen Sprache, lässt mir eine Entgegnung überflüssig erscheinen. Glücklicherweise hat nur der Landsmann der Gebert eine, so starke seelische Erschütterung erfahren, dass er im Verzicht auf die hebräische Sprache einen Fortschritt seiner jüdischen Kultur erblickt. In Berlin gibt es eine Monatsschrift, welche die Ost- und Westjuden sich näherbringen und zu einer Einheit verschmelzen will, „Ost und West". Sie, verehrter Herr Georg Hermann, haben in ihr so oft jüdische Maler gewürdigt, dass Ihnen vielleicht ein dort vor Jahren erschien^er, wohl von Achad Haam orientierter Artikel begegnet ist. In ihm wurde.ausführlichst gezeigt, wie die Werke jüdischer Schriftsteller, die längst in allen möglichen Sprachen erschienen waren, nur durch hebräische Uebersetzungen ewig jung geblieben sind und die aJlergrösste Verbreitung (mehr denn als in der ursprünglichen Sprache) gefunden haben. Vielleicht, wenn in Ihrem Jettchen Gebert in Deutschland nur noch von Literaturhistorikern ge-