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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-25 · Heft 22 (25.8.1919) · p. Seite 485

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 22 (25.8.1919)
Article
Offener Brief an Herrn Georg Hermann
Date
1919-08-25
Page
Seite 485 (sequence 2)
Language
German
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483 „Ich muss bekennen, dass ich als solcher '{typischer Westjude) eine ziemlich heftige Abneigung gegen den noch unzivilisicrten Ostjuden stets empfunden hatte. Ich stelle diese Tatsache einfach fest, ohne über sie in Diskussion eintreten zu wollen, oder sie als bereohtig"t gelten zu lassen. . . . Ich :habe das Problem der Ost- und Westjuden für uns deutsche Juden in der Zeit, da es zuerst auftauchte, in dem Kampf der Geberts und Jakobys in dem Rahmen einer einzelnen Familie aufr gezeichnet. ..." Wenn Ihr Jettchen Gebert-Roman das Problem der Ost- und Westjuden widerspiegeln sollte, so ist das eine Paradigma falsch gewählt oder schlecht gesehen., Als Repräsentant, als Typus des Ostjuden, ist oder war das Haus Jacoby ein untaugliches Objekt. Bei allem Respekt, den ich Ihrem literarischen Schaffen stets und zum Teil auch öffentlich bezeugt habe, haben mich doch immer Zweifel gequält, ob Sie Ihre Jacobys nicht oberflächlich geschaut haben, ob Sie „vielleicht" — um das von Ihnen beliebte Wort zu gebrauchen — nicht innere Werte übersahen oder sie so versteckten, so wenig ausmalten, dass sie dem Leser verschlossen blieben. (Denn die ]acobys liebten Sie nicht!) Die Geberts stellten Sie in so warmes, helles Sonnenlicht und liessen sie trotz all der Regungen und Reaktionen, all der Gefühlserregungen und ausgelösten Handlungen, deren Ablauf uns unbefriedigend und schlecht erschien, in der Hauptsache als sympathische Menschen scheinen, während Sie die Jacobys ins Dunkel stellten und sie mit allen geistigen Komplexen niedriger Individuen ausstatteten. So trägt der Autor sein gerüttelt Mass von Schuld, wenn wir die Jacobys als Gewürm besehen, das wir zertreten möchten, als Auswurf der Menschheit, von dem wir abrücken, als Juden, denen Gewinnsucht, Würdelosigkeit, Herzlosigkeit und Feigheit an allen Rockschössen kleben und die Maske für jede Bewegunjg und Handlung abgeben. Die Jacobys sind Shyloks, sind die Typen, welche „Soll und Haben" mit dem antisemitischen Geist erfüllen. Vielleicht sind solche Menschen als unerfreuliche Erscheinungen _ jener Uebergangszeit, 'als Zwischen-Land-Figuren aufzufassen, die von der jüdischen zur polnischen und dann zur deutschen Kultur wechseln, im Spiel mit den überkommenen religiösen Sitten und Vorstellungen einen Teil ihrersittlichen Vorstellungen einbüssten. Anklänge, wie sie der Levantiner im Orient und der Bastard Amerikas und andere Mischkulturindividuen aufzeigen. Aber das Problem der Jacobys ist mit diesen Worten lange nicht erschöpft. Uns interessiert jedoch nicht, ob solche Leute wirklich so tief unanständig sind, sondern nur, ob sie irgendwie zu einem Vergleich mit den Ostjuden taugen, ob sie als Vertreter oder Abbilder des Ostjudentums zu verwerten waren. Die Typisierung der Jacobys als des Juden allgemein und überhaupt, weise ich ebenso .schart zurück, wie die Symbolisierung der Jacobys als Ostjuden. Jener Ostjuden, die, wenn sie auch nicht Porzellan sammeln, in Herzensbildung, jüdischer Aufrichtigkeit und sittlicher Kraft bei den Geberts keine Anleihe zu machen brauchen..... * * *

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