Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Die Kritik am Zionismus
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 483 (sequence 6)
- Language
- German
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48! Was uns Von Strauss unterscheidet, ist nicht ein Leugnen des im Zionismus selbst erwachsenden Widerspruches. Wir wissen, wir wünschen, dass der Zionismus einmal „über sich hinauswachsen wird". Aber im Gegensatz zu Strauss halten wir den Zionismus als Weg zu jenem Hinauswachsen unerlässltch und unvermeidbar. Wir glauben an eine historische Aufgabe des Zionismus, glauben daran, dass nach dem riämlichen Gesetz, nach dem er angetreten, später einmal das Neue, Grössere, Bessere antreten wird! Und wenn HerzI Zionismus „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" nannte, so glauben wir zu wissen, dass die wahre Rückkehr zum Judentum wahrscheinlich erst auf jüdischer Erde stattfinden kann. Gerade das aber leugnet Strauss. Ein „reales" jüdisches Volk bedeutet ihm eine Umwertung der jüdischen Werte, eine Abkehr vom höchsten Prinzip jüdischen Geistes. Dem „natürlichen" Volk wird, so meint er, — nicht die Werthaltung möglich sein, die allein als jüdisch im höchsten Sinne bezeichnet werden kann. Ein „reales" jüdisches Volk wird „Selbstzweck" sein, und sich nicht mehr als Mittel, als „Volk des Schicksals für die Religion" empfinden. Man braucht mit Strauss hierüber nicht zu streiten. Man braucht ja Strauss* Auffassung vom Judentum nicht zu hegen, und wenn man sie hegt, so kann man die Möglichkeit des von Stra^uss Gesagten zugeben, ohne die Wahrscheinlichkeit des Gegenteils zu verleugnen. Denn wenn heute ein so überaus starker Drang nach „realem" Volksleben im Judentum ist, wenn die geistigen Bedürfnisse so sehr stark auf die Erfüllung im Zeitlichen eingestellt sind, welche -Vermutung liegt dann näher, als dass eine Generation der Erfüllung dieser Wünsche geworden ist, daran gehen wird, befreit von der Sorge um die Grundbedingungen ihrer Existenz, sich dem Metaphysischen wieder zuzuwenden. Wenn heute das „Reale" so überschätzt wird, so ist dies die allgemeine Ueberbewertung. der Dinge, die zu unabweislichen zeitlichen Bedürfnissen geworden sind. Ein Bedürfnis hört im Augenblick der Erfüllung auf zu sein. Das Judentum, das ein Volk geworden ist, wird — vielleicht — kein grösseres Bedürfnis empfinden, als auch ein metaphysisches Volk zu werden. Will Strauss nicht mehr sagen als: „Zionismus ist nur eine Epoche in der Entwicklung des Judentums, vom zeitlichen Denken bedingt und beeinfiusst wie jede andere, ungeeignet, das Problem des jüdischen Geistes im höchsten und letzten Sinne zu lösen", — so wird man kaum wiedersprechen können, sofern er nur die geschichtliche Notwendigkeit dieser „Stufe" anerkennt. Was aber sehr zu befürchten ist, liegt in der Annahme, dass man Strauss jetzt als Kronzeugen gegen den Zionismus als Zeiterscheinung aufrufen wird, — zu Unrecht, wie wir Strauss recht verstanden zu haben meinen. Und darum empfinden wir es als einen Mangel, dass Strauss nicht deutlicher betont, dass sich heute nirgends im Judentum eine Bewegung zeigt, die gradewegs das eine will, was — nach Strauss — nottut. Es fehlt das klare Wort, das nicht nur den Zionismus ablehnt, sondern auch den Liberalismus, wie er in Deutschland gedeiht. Es fehlt die Feststellung,