Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Die Kritik am Zionismus
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 484 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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482 dass, wenn das Sireben nach „realem" Volksleben eine echt jüdische Werthaltuaig nicht zulässt, auch das Streben nach Emanzipation, nach Verhaftetsein im 'fremden Staatsorganismus, nach Zugehörigkeit zum fremden Kulturkrcis unüberwindliches Hindernis für die Verwirklichung! des jüdischen Gedankens ist. Es fehlt das Aussprechen der letzten Konsequenz Straussscher Oedanken, dass Jude sein heisst, ein Einsamer sein, ein Staatenloser, Volksloser, — ein Einzelner mit seiner Idee. Und nach diesem Allen fehlt das Aufzeigen des Weges, die Antwort auf die grosse Frage des „Wie?" Darum wäre es vielleicht besser gewesen, Strauss hätte mit der Kundgabe eines Teiles seiner Oedanken gewartet, bis ihm der weitere Rahmen eines Buches Oelegenheit gab,- alles zu sagen, was er zu sagen hat. Dass es viel ist, beweist diese kleine Schrift. Offener Brief an Herrn Georg Hermann Sehr verehrter Herr Hermann! ie haben in der Julinummer der Neuen Jüdischen Monatshefte ein ^•^beachtenswertes Bekenntnis abgelegt. Jüdischer Stolz und überkommenes Selbstbewusstsein schufen an jeder Zeile und übertrugen das Vollgefühl Ihrer feinsten Empfindungen und seelischen Regungen in eine so reiche Sprache, wie sie nur ein grosser Meister aus der Banalität der Worte zusammenstellen kann. Vor Ihnen haben übrigens Moritz Heimann und B r o d ihr jüdisches Ich in ähnlicher, ja noch*betonterer Weise geoffenbart, auch Jakob Wassermann, der vielfach neben dem Jugendwerk: Die Juden von Zirndorf seine jüdische Art unterstrichen hat. Schnitzler ging seinen Weg ins Freie, Stefan Zweig gab sich im Jeremias, Beer- Hofmann sah jüdische Geschichte in Jaäkobs Traum und Arnold Zweig .erlebte das Judentum dichterisch im Ritualmord in Ungarn. So haben sich die besten dichterischen Interpreten der deutschen Juden auf ihr Sein besonnen. Die Schaffenden haben den Weg. der Mimikry, der Ausgleichungsmanier jener geistigen und körperlichen Massenflucht der Westjuden verlassen. Dass\ Sie verehrter Meister, dessen Jettchen Gebert und Heinrich Schön junior" Geist von Ihrem Geist und Fleisch von Ihrem Fleisch sein müssen, psychische Komponenten anerkennen, die dem unerschöpflichen Born der jüdischen Erbmasse entquellen, kann uns nicht überraschen* Würden Sie doch sonst gerade die beste Eigenart Ihrer literarischen Kinder, die feinsten Züge und Lichter, Stimmungsgefühle und -reize Ihrer Figuren leugnen. Und doch! Jeder aufrechte Jude wird warm und dankbar den wundersamen Gefühlston und die vornehme Gesinnung nachempfinden und begrüssen, mit der Sie in Ihrem Essay die Art des Westjuden umreissen. Wenn i-di heute das Wort an Sie richte, so sind es zwei Punkte, die eigentlich jenseits Ihrer Erkenntnis über den Westjuden liegen. Zum ersten berührt es die Ostjuden. Sie schreiben hierzu: