Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Die Kritik am Zionismus
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 481 (sequence 4)
- Language
- German
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479 Volk-Sein und in den Wirklichkeiten einer Kultur, mit denen allein er sein Bekenntnis zum Judentum erfüllen will."1) Strauss sieht im Zionismus Assimilation wie in der Emanzipation, jene assimilierte den einzelnen Juden, dieser „die Judenheit in der Form eines realen Volkes den Völkern." Er fährt fort: „Es muss dabei notwendigerweise den nach meiner Ansicht einzigen und echten Inhalt des Judentums — die Lehre, die gerade aus dem Stamm, aus dem Volk haften in der Geschichte das gemacht hat, was es in Wahrheit ist, ein heifiges Volk — zu einer Sache realer, historisch-begrenzter Kultur machen; der Zionismus verkehrt den Wertrang in den geistigen Elementen des Judentums, und daraus leite ich die Berechtigung zu der Behauptung her, dass der Zionismus, als eine historisch bedingte, psychologisch verständliche .Erscheinung, eine innere Krisis birgt. Denn diese Verkehrung der geistigen Elemente führt dazu, unter Judentum eine Angelegenheit gleichen (und deshalb in ihrer Spliärq lausschliessenden) Wesens zu .sehen, wie etwa unter Deutschtum (sofern dies die Einheit einer deutschen Kultur bedeutet). Aber es sind nicht die menschlichen immer noch relativen Gegenstände einer wirklichen Kultur, die aus Judenheit und Judentum eine Einheit machen, sondern dies ist das Besondere der Einheit: nur die heilige Lehre, der Glaube, gibt hier einer Stammesgemeinschaft den auszeichnenden, echt solidarischen Sinn, der an sich mit eigener Kultur nichts zu tun hat, nicht aus Lebensgemeinschaften sicli entwickeln kann und von irgendwelchen räumlich-zeitlichen Ausformungen derselben unabhängig bleibt. Wird (was nicht anzunehmen ist) der Zionismus nicht etwa über seinen Wirklichkeiten der Lehre vergessen, so muss der Sinn des Judentums Aber ihn hinauswachsen. Die innere Krisis muss offenbar werden, sofern nicht Gott die Tage des Judentums gezählt hat, und es uns nun bestimmt ist, das nachzuholen, was vor zwei Jahrtausenden nicht eingetreten ist, als Nation und Staat zusammenbrachen, als die Glieder des Stammes über die Erde verstreut wurden — und was der Judenheit zuteil geworden wäre, wäre sie kraft der Thora nichts anderes, nicht mehr gewesen, afs ein Volk des Orients mit einer orientalischen Kultur schlechthin. Es bleibt sich völlig im Endeffekt gleich, ob aus feiner subjektiv-erneuerten Religiosität heraus, so «wertvoll diese auch sein mag, die Volkseinheit als reale, schliesslich auch politisch reale erwachsjen soll, oder ob die politisch zu schaffende Einheit eines Volkes im Bunde der Völker die jüdische Religion erneuern soll. In jedem Falte stehen Volk und Nation mit ihrer Kultur als Selbstzweck vor der Religion. Das, was in Ehrfurcht und tiefster Demut vor dem schwersten aller Schicksale Sendung des Judentums genannt werden darf: das Volk des Schicksals für die Religion zu schaffen, wird entgöttlicht. wird zum entwickelten Kultur- und Naturgebilde. Das innere Volk verliert seine Sonderstellung in der Geschichte und zu aller Kultur überhaupt, indem es mit dem Masstab eines realen Volkes gemessen wird und indem Jude-Sein dem Wesen nach irgendeiner völkischen unti *) Was Strauss'im Anschluss daran über das romantische Moment im Zionismus sagt, gehört zum Besten, was über die Psychologie der Bewegung bisher geschrieben wurde. Nur gelangt auch hier Eins nicht klar genug zum Ausdruck, wie sehr sich das Gesagte ausschliesslich auf westeuropäischen, ja auf deutschen Zionismus bezieht. Gewiss, alle diese Elemente sind vorhanden, alle diese Züge lassen sich aus dem Antlitz der Bewegung herauslesen: aber es darf doch nicht vergessen werden, dass nicht so sehr sie die entscheidenden, charaktergebenden! sein können, da der Schwerpunkt der Bewegung doch nun einmal im Osten liegt!