Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Die Kritik am Zionismus
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 479 (sequence 2)
- Language
- German
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477 mus eine Art Erkenntniskritik zu üben, sein Wesen und seine Tragweite aufzudecken. Man darf nicht verschweigen, dass diese „Psychologie"9 so ausserordentlich fein und treffend sie im allgemeinen ist, doch bereits im Anfang einen Grundirrtum enthält, gegen den anzukämpfen für den Zionismus von ausserordentlicher Bedeutung sein wird. Strauss glaubt einen Gegensatz oder doch zum mindestens einen starken Wesens- .unterschied feststellen zu können zwischen dem Zionismus, wie ihn Theodor Herzl propagiert hat und jener national-jüdischen Bewegung, die heute an die Verwirklichung jenes Herz Ischen Zionismus schreitet. Er sieht es als das Wesentliche des Zionismus Herzls an, dass. er mit dem Postulat: „Wir sind ein Volk, ein Volk!" der Masse des Judentums einen politischen Erlösungsgedanken gegeben hat von ähnlich messianischeni Charakter, wie Marx's und Engels: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Und er glaubt, im Gegensatz hierzu den jungen Zionismus stellen zu dürfen, der eine universale Auffassung darstellt, „die sich heute als jüdische Weltanschauung überhaupt anbietet und das Schicksal des jüdischen Geistes, des Judentums selbst, von der Erreichung des zionistischen Zieles abhängig macht/*' Es muss hier die Kontinuität der zionistischen Entwicklung; im Geistigen mit allem Nachdruck betont werden. Für sie ist nicht allein das politische Bekenntnis Herzls zum Ausgangspunkt geworden, sondern im gleichen Masse seine Erkenntnis: „Zionismus ist Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland." Und wenn auch selbstverständlich die zionistische Weltanschauung eine Tiefe und Weite gewonnen hat, von der zu Beginn der Bewegung nur die Anfänge zu spüren waren, so lehrt aufmerksames Lesen der zionistischen Schriften Herzls, dass doch in diesen Anfängen neuen jüdischen Denkens bereits alle Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungstendenzen vorhanden gewesen sind, die im Laufe der Zeit den geistigen Inhalt des Zionismus, wie er heute Gegenstand der Strauss' sehen Kritik ist, geschaffen haben. Das Bestreben, vor der Erreichung des zionistischen Endzieles, des „Judenstaates" in irgendeiner Form, eine Erneuerung des Judentums selbst zu erwirken, ist also nicht, wie Strauss irrtümlich meint, eine „Abkehr von Herzl". Einen weiteren Fehler begeht Strauss in der Bewertung derjenigen Motive, die er als die „negative Werthaltung des Zionismus" bezeichnet, und an deren Spitze er die Einwirkung der antisemitischen Ideologie auf den Zionismus setzt. Strauss schildert ganz richtig, wie zunächst die Verschiedenheiten des Juden von den anderen Völkern nicht positiv herausgearbeitet, sondern als Verneinungen unterstrichen werden, und wie schliesslich die Bewertung der Abstammung, des „Blutes" an die entscheidende Stelle in der zionistischen Lebensanschauung rückt. Und er sucht die Ursache dessen, nicht ganz mit Unrecht, im jüdischen Ressentiment, das er die „wahre innere Judennot" nennt.