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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-25 · Heft 22 (25.8.1919) · p. Seite 472

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 22 (25.8.1919)
Article
Die Mentalität der Sentimentalität
Date
1919-08-25
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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470 dein. Sonst muss es uns;unfehlbar ergehen wie Jenem bekannten Bauern mit dem Knaben «und dem berühmten Eseh Aber mch auf die „guten" Ratschlage des Durchschnitts der Jüdischen . Bourgeoisie konnte und durfte die jüdische Jugend, das jüdische'. Proletariat, die jüdische Intelligenz nicht warten noch! horchen, ate es sich daijum handelte, Stellung zu nehmen zur Tatsache der Revolution. Wäre es nach jener Schicht guten jüdischen Durchschnitts gegangen, nach jenen Damen und Herren mehr oder minder gesetzten Alters, mehr oder minder temperierten Wohlstands, so hätte die akademische und die andere jüdische Jugend, so hätte die jüdische Intelligenz, so hätte das jüdische Kaufmanns-, Handwerks-, Arbeits- Proletariat Deutschlands die grosse Revolution von 1918-1919 und so weiter verschlafen, wären sie — wie der verträumte Poet — nachträglich dazugekommen und hätten die ganze Welt verteilt gefunden. Allenthalben hört man jetzt ein überaus törichtes Wort. Den Juden, die mit den schärfsten Tonarten der Umwälzung (Kommunisten, Unabhängigen und dergl.) nichts zu tun haben, wird unaufhörlich „nahegelegt": sie sollten doch von jenen anderen demonstrativ „abrücken"! Diese unüberlegten Worte hört man, wie gesagt, sehr viel, und zwar von Juden wie von Christen, von Konservativen, Zentrumsreuten, Liberalen, ja sogar von Mehrheitssozialisten, Von denselben Leuten, die ein Hallo über das andere schreien würden, wenn sich in Deutschland etwa eine politische Partei der Juden auftun wollte, Von wem sollen wir Juden als Juden eigentlich abrücken? Aul einen „unabhängigen" Juden kommen in Deutschland drei mehrheitssozialistische (wenn auch nicht an der Spitze, so doch im eigentlichen Kader der Partei), zehn demokratische und hundert unpolitische. Und wenn wir von kommunistischen, spartakistischen, bolschewistischen Juden in Deutschtand1 reden wollen, nicht von „unabhängigen", so müssen wir in unsere Proportion statt drei „hundert" und statt zehn „tausend" einsetzen. So will mir denn scheinen, dass es sich bei der Parole vom „Abrücken" auch nur um einen Bluff handelt, auf den Christen wie Juden hineingefallen sind, und gegen dem sie sich fortan mit. und aus guten Gründen wehren sollten. Was aber die sentimentalen Tiraden betrifft, dass es sich für die deutschen Juden „gebührt" hatte, der Revolution sozusagen von einer Parkettloge aus zuzuschauen, so ist darüber folgendes zu sagen : Es gibt kaum etwas Verächtlicheres als einen Menschen oder eine ganze Klasse Menschen, die mit verschränkten Armen dabeihocken, wenn der Staat, dem sie selber angehören, unter den wildesten Zuckungen eine politische Umwälzung durchlebt. Von solchen Menschen glaubt und sagt man mit Recht: si£ pflegen abzuwarten, welchen Verlauf die Dinge wohl nehmen würden, um sich dann auf die Seite der siegreichen Partei zu schlagen. Solon von Griechenland hat durch' Gesetz verordnet, dass solche Individuen vom Leben zum Tode befördert werden sollen. Respekt vor jedem Menschen, jedem Juden, der sich bei der Umwälzung etwa schützend vor das Allerheiligste der Hohenzollern-Dynastie ge-

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