Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Die Mentalität der Sentimentalität
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
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469 ieren, dass der Jude nun gar «als „Führer" im Heere der Revolution gestanden hat. 'Denn gerade in solchen Armeen entscheidet die Masse bestimmend mit über die Führerwahl, und gerade in Revolutionsheerer« gilt der Satz: dass, wenn die Führer gefallen sind, jeden Augenblick jeder „Gemeine" dazu berufen "werden kann, dje Fahne in die Paust zu nehmen! Ich sprach oben von Schlauheit -der Antisemiten. In einer Beziehung haben sie diese sehr vermissen lassen.. Wie hätten sie sich sonst einzubilden vermocht, gerade die Arbeiterschaft dadurch verhetzen una 'antisemitisch-pogromistisch beeinflussen zu können, dass sie ohne Untcrlass auf die jüdischen Revolutionsführer wiesen und deren Verruchtheit zu demonstrieren suchten? Auf den eklen Wust der antisemitischen FIugblatt«„Literatur", die seit Monaten Deutschlands Luft mit ihren stinkenden Papierbergen verpestet, will ich hier nicht zu sprechen kommen. Zur Behandlung dieser geschäftsantisemitischen Angelegenheit würde der Raum dieser ganzen Nummer kaum zureichen. In Bezug auf die Stellung des Juden innerhalb der deutschen Bourgeoisie hat die Revolution auch nicht das Mindeste geändert. Er ist nach wie vor „partie bonteuse"! Er wird1 es nach wie vor una für absehbare Zeit keiner qualitativ oder quantitativ irgendwie in Betracht Kommenden bürgerlichen Masse im Lande recht zu machen imstande sein. Und dagegen gibt es nur ein einziges Mittel; Tun, was man für richtig halt, ohne nach rechts oder links, nach „oben" oder nach „unten" zu blicken oder gar zu schielen . . . Dieser Jude will vom Zionismus nichts wissen. Er sollte lieber Zionist sein, meinen die Antisemiten. Jener Jude ist Zionist. "Warum sitzt er dann nicht schon längst in Palästina? fragen die Antisemiten. Dieser Jude ist orthodox. 'Die Juden sind seit 6000 Jahren von 'ihrer Art nicht abzubringen, konstatieren die Antisemiten, Jener Jude rst irreligiös. Die „gottlosen" Juden sind die schlimmsten, nörgeln die Antisemiten. Ein dritter hat sich taufen lassen. Der will ja doch nur ein Geschäft oder Carriere machen, höhnen die Antisemiten. Dieser Jude bleibt allen Verfolgungen und Misshandlungen zum Trotz in Deutschland wohnen. Warum packt er nicht sein Bündel? heisst es bei den Antisemiten. Jener Jude schnürt sein Bündel und versucht sein Glück anderwärts denn im „gastlichen" Deutschland. Seht! der hat seinen Rcbach gemacht, kreischen die Antisemiten, nun nimmt er das in Deutschland erworbene Geld und verzehrt es in fremdem Lande! Dieser 'Jude bettelt seit Jahrzehnten vergebens um seine Naturalisation. Der aufdringliche Semit soll sich zum Teufel scheren! wünschen die Antisemiten. Jener Jude hat das Einbürgerungsgesuch nach tausend Beispielen für nutzlos gehalten und gar nicht erst einzureichen gewagt. Da seht ihr's ja, schimpfen die Antisemiten, die Juden wo Ifen gar nicht Deutsche sein! Kurz und gut: Derjenige Jude, der es den Antisemiten recht machen kann, soll noch erfunden werden. Und so tun wir denn am besten, indem wir nach unserem eigenen Verstände, nicht aber gemäss irgend einer verschrobenen Mentalität oder gar Sentimentalität der anderen han-