Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-10 · Heft 21 (10.8.1919) · p. Seite 467

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 21 (10.8.1919)
Article
Tierquälerei
Date
1919-08-10
Page
Seite 467 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908750-2912053--2647-2912082
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

465 „Pinje, dein Vater ist ein Goj," sagte ich zu meinem Freund. „Warum ist icr ein Goj?" Er hat kein Mitleid mit Tieren." „ich wusste gar nicht, dass du so klug bistl" sagte mir mein Freund und zeigte mir eine Feige, III. Unsere Köchin Frame ist auf einem Auge blind, und man nennt sie „Frume mit dem Auge". Sie ist ganz herzlos. Einmal peitschte sie die Katze mit Brennesseln aus, weil es ihr schien, die Katze hätte eine Hühnerleber vom Brett gestohlen. Als sie aber nachher die Hühner und due. Lebern nachzählte, stellte es sich hera\us, dass sie sich geirrt hatte. Site, hatte geglaubt, dass man sieben Hühner geschlachtet hatte und dass sieben Lebern sein müssten; man hatte aber nur sechs Hühner geschlachtet. Und sechs Hühner haben ja bloss sechs L ebern. Ein Wunder Gottes! Ganz umsonst hatte sie die Katze verdächtigt. Meint ihr vielleicht, dass Frume es sich zu Herzen nahm und die Katze um Verzeihung bat? Aber keine Spur! Sie hat es vergessen, und auch die Katze, hat es vergessen. Eine Stunde später sass die Katze ganz ruhig auf der Ofenbank und wusch sich, als ob nichts vorgefallen wäre. Nicht umsonst sagt man „ein Katzenhirn". Ich vergass es aber nicht. Nein, ich nicht! Und ich sagte zu der Köchin: „Ganz umsonst hast du die Katze geschlagen und die Sünde auf dich geladen. Gott wird dich für die Tierquälerei bestrafen." „Du gehst augenblicklich aus der Küche! Sonst kriegst du mit dem Wischtuch über das Gesicht!" So sprach Frume mit dem Auge und fügte hinzu: „Schöpfer der Welt! Wo kommen nur so dumme Kinder her?!" IV. Das war wegen eines Hundes, den man mit kochendem Wasser abgebrüht hatte. Diese selbe Frume mit dem Auge hatte es getan. Ach, wie es dem Hunde weh tat! Anfangs winselte er so laut, dass das ganze Städtchen zusammenlief. Die Leute standen um ihn herum und lachten, und lachten! Alle andern Hunde antworteten ihm, ein jeder von seinem Misthaufen und ein jeder auf seine Manier, als ob man sie nach ihrer Meinung fragte____ Und später, als der abgebrühte Hund genug gewinselt hatte, begann er zu heulen; er leckte sich das Fell und schluchzte wie ein Mensch. Das packte mich am Herzen. Ich ging auf ihn zu und wollte ihn streicheln: „Armer Sirka!" Wie der. Hund sah, dass ich die Hand aufhebe, stand er auf, wie wenn man ihn noch einmal abgebrüht hätte, zog den Schwanz ein und lief davon. „Halt, Sirka," suche ich ihn mit sanfter Stimme zu überreden. „Was entläufst du, du Dummer? V/erde ich dir denn etwas tun?" Ein Hund bleibt aber ein Hund. Er weiss nichts vom Mitleid mit Tieren. Als Vater sah, dass ich mit dem Hund etwas habe, heizte er mir ordentlich ein: „Marsch in den Cheder, du Hundeschinder!" Nun bin ich der Hundeschinder. V. Und das war wegen zwei Vögelchen, zwei kleinen, gewöhnlichen Spatzen, die zwei Bauernjungen, — der eine war grösser, der andere kleiner, — erschlagen hatten. Als die beiden kleinen Vögel auf die Erde herunterfielen, lebten sie noch: sie sassen mit gesträubten Federn da und zitterten an allen Gliedern. „Rühr dich, du Mops!" sagte der grössere Junge zum kleineren. Und sie nahmen die kleinen Vögel in die Hand und begannen sie mit den Köpfchen gegen den Baum zu schlagen, so wie wir die Hejschajnes am Betpult abschlagen, bis beide Vöglein tot waren. „Was tut ihr?!" Ich konnte mich nicht beherrschen und lief auf die Jungen zu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.