Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 21 (10.8.1919)
- Article
- Tierquälerei
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 466 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Tierquälerei Von Scholem- Ale j ehern I. t enn du ein braver Junge bist, hilfst du uns Meerrettich reiben, bis wir mit dem Fisch für das heilige Fest fertig werden." So spricht zu mir Mutter am Tage vor Schwues, um die Mittagsstunde. Mit Hilfe der Köchin schuppt sie Fische für das „mildiige" Festessen, frische, noch lebende Fische! Als man sie in die grosse mit Wasser gefüllte irdene Schüssel legte, zappelten sie noch. Mehr als alle zappelt eine kleine Karausche, nebbich, mit dickem Bauch, rundem Mund und roten Augen. Die Karausche hat anscheinend grosse Lust, wieder in den Fluss zu kommen: sie wirft sich hin und her, versucht aus der Schüssel herauszuspringen, reisst ihr rundes Maul auf, schlägt mit dem Schwänze um sich und spritzt mir Wasser ins Gesicht. Als wollte sie sagen: „Junge, rette mich! Junge, rette mich?...." Ich wische mir das Gesicht ab, mache mich an den Meerrettich für das Festessen und denke mir: „Arme Karausche! Ich kann dir nicht helfen.... Gleich nimmt man dich in Arbeit: man wird dich schuppen, man wird dir den Bauch aufschlitzen, deine Eingeweide herausnehmen, dich in Stücke schneiden, in den Topf tun, salzen und pfeffern, aufs Feuer stellen, kochen, backen und braten, braten, braten...." „Schade um sie," sage ich zu der Mutter. „Es ist Tierquälerei." „Was ist Tierquälerei?" „Das mit den Fischchen." „Wer hat dir das igesagt?" „Der Rebbe." „Der Rebbe?" Sie schaut die Köchin an, die ihr die Fische zu schuppen hilft, und beide beginnen zu lachen, „Du bist dumm, und dein Rebbe noch dümmer. Ha ha ha! Reib* mir den Meerrettich, reib'!" Dass ich dumm bin, weiss1 ich schon längst. Das sagt mir Mutter immer. Auch Vater ist dumm, auch die Brüder und Schwestern sind dumm. Aber dass der Rebbe noch dümmer ist als ich, das ist mir ganz neu. II. Ich habe einen Freund Pinjele, er ist der Sohn des Schächters, Als ich einmal bei ihm zu Besuch war, sah ich, wie ein kleines Mädchen «inen grossen Truthahn hinbrachte; seine Beine waren mit einer Schnur zusammengebunden. Der Vater meines Freundes, der Schachter, schlief gerade, und .das Mädchen wartete vor der Tür. Der Hahn, ein kräftiger Bursche, wollte sich nebbich aus den Händen des Mädchens befreien; er stiess sie mit den Beinen in den Bauch, pickte sie mit dem Schnabel; in die Hand, schrie und machte furchtbaren Lärm. Das Mädel war aber auch nicht dumm; sie klemmte seinen Kopf unter ihren Arm ein, stiess Ihn, so oft er sich wehrte, mit dem Ellenbogen und sagte: „Sitz ruhig!" Und -er folgte ihr, und verhielt sich ruhig. Endlich stand der Schächter auf. Zuerst wusch er sich die Hände, dann holte er sein Messer und Hess sich den Hahn geben. Als man ihm die Beine losband, war er ausser sich vor Freude: er bildete sichwohl <dn, dass man ihn jetzt laufen lässt und dass er zu seinen Hennen und zu seinem Wassernapf zurückkehren kann. Aber der Schächter nahm ihn zwischen die Beine, bog ihm' mit der einen Hand den Kopf zurück, rupfte mit der anderen einige Federn an der Kehle aus, sprach den Segensspruch und fuhr ihm — schwupps — mit dem Messer über den Halls. Dann liess er einige Tropfen Blut in einen Kasten mit Asche fallen und. schleuderte den Hahn mit solcher Kraft von sich, dass ich glaubte, er musste an Stucke zerfallen. ö '