Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 21 (10.8.1919)
- Article
- Tierquälerei
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 468 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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466 „Was ist denn?" erwiderten sie ganz ruhig. „Das sind ja nur Spatzen, ganz gewöhnliche Spatzen." o t „Und wenn es nur Spatzen sind? Ist denn der Spatz kein lebendes Wesen, mit dem man Mitleid haben muss?" Beide Jungen sahen einander merkwürdig an. Und dann fielen sie, wie wenn sie es vorher verabredet hätten, über mich her. Als ich nach Hause kam, verriet mein Kaftan die ganze Geschichte. Und der Vater gab mir einige/Ohrfeigen und schimpfte: „Abgerissener Narr!" / Mein Oott, den „abgerissenen Narren" verzeihe ich ihm. Aber womit habe ich die Ohrfeigen verdient?! . . . VI. Womit habe ich die Ohrfeigen verdient? Sagt denn nicht auch der Rebbe, dass alle Geschöpfe vor dem Schöpfer gleich sind? So gar einer Fliege an der Wand, sagt er, darf man nichts tun, weil sie ein lebendem Wesen ist, und selbst die Spinne, die mehr zu den bösen Geistern gehört, darf man nicht töten. Und der Rebbe sagt: „Weim die Spinne den Tod. verdiente, würde sie Gott selbst töten." Kann man aber fragen: „Gut, wenn dem so ist, warum schlachtet man dann alle Tage Ochsen, Kälber, Schafe und Geflügel?" Und nicht nur Tiere und Vögel bringt der Mensch um; tötet er nicht auch seine Mitmenschen? Hat man nicht beim Pogrom ganz kleine Kinder vom Bodenfenster auf die Strasse hinuntergeworfen? Hat man nicht auch unseres Nachbars kleines Mädchen getötet? Perele hiess sie.... Und wie man sie getötet hat 1... Ach, wie lieb hatte ich das Kindl Und wie es an mir hing! „Onkel Behebe" nannte mich die Kleine — so sprach sie meinen Namen Welwele aus. Und sie zupfte mich mit ihren kleinen feinen süssen Fingerclien an der Nase____' Und wegen Perele nannten mich auch alle andern Leute „Onkel Behebe.*1 „Da kommt Onkel Behebe,, er wird dich auf die Arme nehmen!" VIL Perele war ein krankes Kind. Das heisst, sonst fehlte ihr nichts, aber sie konnte nicht laufen. Weder Saufen noch stehen; nur sitzen konnte sie. Darum pflegte man sie auf den Armen, ins Freie zu tragen und in die Sonne zu setzen. Sie liebte die Sonne, ich trug sie oft herum, und sie umfasste meinen Kopf mit ihren kleinen süssen Händchen, schmiegte sich an mich mit ihrem ganzen Körperchen und legte mir ihr kleines Köpfchen auf die Schulter: „Onkel Beoebe lieb!" Unsere Nachbarin Krejne sagt, dass sie den „Onkel Behebe" auch heute noch nicht vergessen kann.und dass sie immer an die kleine Perele denken muss, so oft sie mich.sieht. Mutter macht ihr Vorwürfe, dass sie immer noch weint. Man darf nicht weinen, sagt Mutter, esi ist eine Sünde^ sagt sie. Man muss vergessen. „Vergessen". So spricht Mutter zu ihr. Und mich jagt sie aus dem Zimmer, wenn ich nicht immer vor ihr herumstehe, wird auch' die Nachbarin nicht immer daran denken, was sie vergessen soll... Hahahal Kann man es denn vergessen? Wenn ich an das kleine Mädchen denke, kommen auch mir Tränen in die Augen, ganz von selbst kommen sie.... „Seht nur, da weint er schon wieder, der kluge Junge!" sagt Frume mit. dem Auge zur Mutter. Und Mutter wirft auf mich einen schnellm Blick und beginnt zu lachen: ■ „Beisst dir der Meerrettich die Augen? An alles muss Mutter denken! Was das für scharfer Meerrettich ist! Ich vergass dir zu sagen,, dass du die Augen zuhalten sollst. Hier hast du meine Schürze____ Wisch dir die Augen ab, du dummer junge, und schneuze dir auch gleich diö Nase. . . Die Nase, die Nase!" (Deutsch von Alexander Eliasberg)