Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 21 (10.8.1919)
- Article
- Schamvolle Reue und kühner Entschluss
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 463 (sequence 4)
- Language
- German
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46! andere zurücktritt hinter der Friedensforderung. Es ■ hat „keinen Sinn, Forderungen des Lebens zu propagieren, bevor das Wunder des Lebens selber gesichert ist**. Der Äktivismus ist nicht allein Pazifismus, er ist die Politik gegenseitiger Hilfe, der Gemeinbürgschaft, der 'Gerechtigkeit,• der „Koinzidenz von Geist" und {Macht". Der Aktivist ist ein „reinü des Krieges, aber ein Freund des Kampfes". Es ist trefflich, das zu betonen. Maskuliner. Pazifismus (Entzündung des pazifistischen Feuers im kernigsten, wetterhärtesten Typus") tut not Nimmt man an Friedenskongressen teil, so muss man sein * Haupt schütteln über Menschen, die die Welt bessern wollen durch Abschaffung der . Bleisoldaten durch Feminisierung . (im Übeln Sinne!) der Jugend. Kampf tut not, züchten wollen wir den Kampfgeist, aber zu edlem - Wetteifer und gegen alles Gemeine! Hiller formt wieder eine Reihe entzückender Sätze, Aphorismen: Der Aktivist ist Futurist; im aktivistischen Menschen beginnt der Deutsche politisch zu werden; Aktivismus ist Aktualisrnus und Meliorismus, nt Realisierungs-(nicht Realpolitik. Ich stimme ihm völlig zu, wenn er sagt: „Nur utopisches Denken hat Bedeutung und Würde", wenn er radikale Politik verlangt, weil „die Idee sich in ihrer Reinheit propagieren muss. Sie wird durch die Gegenkraft der Materie ohnehin gehemmt, sie muss sich nicht selbst noch hemmen". Aber ich sehe aus all diesen beneidenswert schönen und richtigen Lanzenstössen keinen Eindruck am Erdkörper folgen: Realisierungspolitik?! Es fehlt der archimedische Punkt, von dem aus der „Aktivist" gegen die Welt drückt, er scheint mir an der Welt zu hängen und, mit ihr rotierend, deklamierend zu strampeln. Trotz aller Realpolitik, allem Konzessionsschulzen tum,' aber auf zu Realisierungspoiitik. Grab dich mit Krallen und Zähnen hinein in die Erde, Aktivist, schaufle, wühle, baue, du wirst dadurch nicht' schlechter und auszeichnen wird dich vor den Maulwürfen immer, dc.ss du nie vergissest, was du wolltest. Gewiss: Rede ist Tat! Aber riich?., wenn sie unter dem Rezipienten der Luftpumpe gehalten wird. Die Erde besteht „unter anderem" auch aus „Dreck", und aus „Dreck" zaubert der Gärtner, ohne Zaubersprüche, die schönsten Blumen und die (nahrhaftesten Gemüse. Aktivist, sei Gärtner! — Eine vorübergehende Marotte ist wohl die Phantasie von der „beispiellosen Vermählung" von Aktivismus und — Katholizismus (Inhalt sich in die Form ergiessend), ein hier zweifellos „heroischer" (!) Gedanke,* der nur als Verirrung eines gottlosen Gottsuchers begreiflich wird. Dies Rufen nach einem neuen „Gottes*Inhalt ertönt ja aus den Kehlen aller Geistigen, HoIi tscher sieht die Kultur der .Welt zugrunde gehen am Zwiespalt zwischen dem Christentum und dem Willen zur Weltbezwingung. Er sieht „keinen Weg zur höheren Zukunft als das Opfer". Der Einzelne soll seine Ehrfurcht vor der Allgemeinheit bezeugen, ohne Gegenleistung seinen Tribut der Menschheit darbringen, er soll dort leben, wo es ihn zur Auflehnung drängt. Vor eilem soll die jüngere Generation sich einmal in der Liebe zur älteren stählen; vielleicht kommt so die Menschheit weiter als durch den uralten Konflikt von Junggegen Alt, Soitn gegen Vater! „Ehrfurcht .vor dem Bruder ist das Ergebnis der Selbsterziehung." Das Opfer also tut not, wohlgemerkt: nicht um jenseitigen Lohns willen! Döblin schält erbarmungslos den „Gesellschaftscharakter" der Religion h eraus, er entblättert die Gottesartischocke und — es bleibt nichts übrig, gar nichts! Die abgestorbenen Religionen leben aber durch ihr:?. Inszenierungsapparat welter. Die Religion ist ein Mittel der_ Vergesellschaftung geworden: „der einzelne Mensch findet keine Erlösung: der Verein, das Heer, die Gesellschaft der Seligen!" Die Kirche soll sich endlich auf ihr Altenteil der Theorien zurückziehen. Der Mensch muss sich entschlossen neben der erdrückenden Macht der Kirche aufrecken, seine Selbstbehauptung verlangt Reinlichkeit der Beziehungen. „Ein weder Kirchler noch Ketzer, sondern für mich."