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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-10 · Heft 21 (10.8.1919) · p. Seite 457

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 21 (10.8.1919)
Article
Judaeo-Polonia
Date
1919-08-10
Page
Seite 457 (sequence 4)
Language
German
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455 Lesznowski wurde in seinem Judcnhass nicht nur von religiösen Motiven geleitet.K Im Gegenteil, er befürchtete die Uebcrhandnahrne des jüdischen Einflusses, und vor denselben wollte er die polnische Gesellschaft warnen und schützen. Man sollte die Juden ebenso an ihrer wirtschaftlichen Entwicklung hindern, weil sie dadurch das ganze Wirtschaftsleben monopolisieren und kraft ihrer Kapitalien die Polen wirtschaftlich beherrschen könnten. Es war dies also nicht der vom Religions- und Rassenhass getragene •Antisemitismus, sondern national-wirtschaftliche Momente sind es gewesen, die den Hass gegen die Juden verursacht hatten und Lesznowski zum geistigen Vater der späteren Boykottbewegung gestempelt hatten. Die Nationalbevvcgung in den Jahren 1860-1867 schwächt aus politisch-opportunistischen Gründen diese Bewegung ab. Jedoch schon im Jahre 1870 gewinnt sie unter Führung des Redakteurs Jan Jelinski wiederum an Stärke. In seiner Broschüre: „Die Juden, Deutsche und wir" vertritt er ähnliche Gedanken wie Lesznowski, mit dem Unterschiede, dass er rnrneis seines Wochenblattes „Rola" die Bauern verhetzt und seine Ideen teilweise dank einer Rüd<sic'hts!osigkcit und menschenunwürdigen Agitation in die Tat umsetzt. Dass Jelinskis Agitation von Erfolg begleitet war, sehen wir im Jahre 1881, da die Progrombewegung auch in Polen einen Resonanzboden fand. Wie stark an diesem gruseligen ersten Weihnachtstage 1881 die Judenexzessc in Warschau waren, ersehen wir aus dem Schaden, der damals angerichtet wurde; er betraf nicht Weniger als' 192$ 'jüdische Familien •und belief sich auf 1 199142 Rubel,5) in Gombin bei Warschau fand selbst ein Kampf zwischen dem Pöbel und Juden statt, der über 10 Stunden währte. Die in diesen Jahren propagierte „organische Kulturarbeit" hatte auch ihren Teil zur Verschärfung der polnischen Juderihetze beigetragen. Allerdings bemühten sich damals die höheren und mittleren Schichten der polnischen Bevölkerung durch eine opferwillige Beihilfe, die sie zur l ilgung des Schadens an den Tag legten, zu beweisen, dass die Bewegung gegen die Juden nicht von den Polen ausgegangen sei, sondern importiert wurde. 3. Die russische Revolution nützten die antirevolutionären Kreise der polnischen Gesellschaft zur Behauptung aus, dass die Juden Revolutionäre, Unterwühler, Verhetzer der Massen seien, Pogrome fanden nur in Joseföw und Ostrowiec siat^ der in Siedice wurde durchwegs von Russen angestiftet.0) . s Die Boykottbewegung in Polen im Jahre 1912, zeigte wie stark die antisemitische Strömung war, die Wahl JagieHos wa ja nur eine blosse Veranlassung, um dieses traurige Schauspiel für die Juden zu beginnen. Ihre Geschichte ist noch allzu frisch, als dass sie dem Gedächtnisse schon entschwunden wäre. Als der Krieg ausbrach, begannen die polnischen Antisemiten in Kongresspolen Beschuldigungen und Anklagen obskurster Art gegen die Juden auszustreuen. . Die polnische Bevölkerung durch die nationaldemokratischen Politiker verhetzt, denunzierte die Juden des Verrates, zeigte sie als Germanophüe und Slavcnfeinde an,7) ähnliche Vorfälle trugen sich auch in Galizien zur 6) Bericht des öst.-ung. Generalkonsuls Frh. v. Brenner, (Wiener Staatsarchiv Warschau, J. 1882, Nr. 2 A—D, ddo. ddo. 8. 1. 1882). G) Abr. Grünberg, Ein jüdisch-polnisch-russisches Jubiläum (der' Pogrom in Siedice im Jahre 1906). 7) Aus dem Kriegstagebuch eines polnischen Juden im Ostjudenheft der Süddeutschen Monatshefte, Faber 1916, S. 835.

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