Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 21 (10.8.1919)
- Article
- Jüdische Politik
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
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449 religiöse Judentum hat im Gebet4) von altersher seine.Zionslicbe zum Ausdruck gebracht und in ihrer Befolgung aus freudigem Herzen unendliche Opfer für das Land Israel gebracht. Zu irgend einer Aenderung' dieser Tätigkeit Hegt nun . ein Änlass nicht vor. Sich der Zionistenpolitik von heute mit Haut und Haaren zu verschreiben, ist umsoweniger erforderlich, als die Z u s a m m e n h ä n g ef ■ in denen sie arbeitet, uns nicht gefallen wollen. Sie geben uns keinesfalls die Beruhigung, dass in Palästina rein jüdische Arbeit geleistet wird, denn die Politik des Zionismus ist zurzeit identisch mit ..der Politik Englands! Es ist kein Wunder, dass im gesamten bisher feindlichen Ausland der Zionismus von Seiten der Juden praktische Unterstützung fand, .trug man doch auf diese Weise auch zum Wohle des. Va t e r I an d e s bei, und an die Vaterlandsliebe des Juden appelliert man bekanntlich <nie vergebens. Aber für uns deutsche Juden, die wir die ganze Wucht der selbstsüchtigen,' konsequenten englischen Politik am Schicksal unseres Reiches verspüren, dürfte sich das Bild ein wenig verschieben, denn wir wissen, dass England nicht jüdische, sondern englische Ziele verfolgt. Gewiss tröstet man sich damit, dass in diesem Falle eine Uebereinstim-. mung vorhanden sei.' Aber wird sie immer herrschen? Ob es für das neuerstandene jüdische Volk so besonders ehrenhaft ist, sich von den Brocken zu nähren, die vom reich besetzten Tische Englands abfallen, mag nebenher erwähnt sein. Aber wo hätte das mächtige England jemals — man denke an die Buren — ein Volk in wirklicher Freiheit seiner Kultur belassen. Ist denn das französische Kanada nicht heute anglisiert bis auf die Knochen? Und gerade;bei den Juden, deren Kultur überhaupt noch erst geschaffen werden soll, ' soll England die Ausnahme machen?" Wäre nicht denkbar, dass die Versprechungen auf nationale Kultur und Autonomie eher den Sinn haben dürften, den rivalisierenden Ententegenossen, besonders Frankreich, die Annexion Palästinas zu verschleiern oder schmackhaft zu machen? Man kann in politischen Dingen gar nicht klar genug sehen. - Man darf doch nicht vergessen, dass das angeblich judenfreund- . liehe England an anderer Stelle sich sorgsam hütet, jüdische Interessen wahrzunehmen, wenn es sich eben nur um Gebote der Menschlichkeit handelt. Keiner zweifelt, dass ein .Stirnrunzeln Englands oder eine sanfte Drohung wie mit einem Zauberschlage das ganze Morden in Polen beenden könnte. Aber England hütet sich. Es kann und will Polen . nicht gegen sich aufbringen, d as Land, das es als starken und ergebenen . Freund im Rücken Deutschlands braucht. Hunderte von englischen Offizieren sehen im Osten tagtäglich kaltblütig dem Morden zu, aber es rührt sich kein Finger. Nicht einmal die schöne Geste eines mit AugurcIllach ein vorgebrachten platonischen Protests hält man für nötig. Für Englands Politik müssen eben, wenn es nötig ist, auch Tausende von Juden sterben. ' Und das mag die Palästinabegeisterung der Weltmacht Grossbritanniens in das rechte Licht setzen. 4) Wenn viele liberale Gebetbücher die Zionsgebete gestrichen haben so ist das schon aus dem Orunde bedauerlich, weil sie damit die Möglichkeit der politischen Ausdeutung einer religiösen Hoffnung eröffnet haben..