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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-10 · Heft 21 (10.8.1919) · p. Seite 449

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 21 (10.8.1919)
Article
Jüdische Politik
Date
1919-08-10
Page
Seite 449 (sequence 5)
Language
German
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Man wird einwenden, dass die Ostjuden selber nationale Autonomie verlangen, und dass wir das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten müssen. Auch das ist aber nicht richtig'. Freilich haben einige zionistische Gruppen nationale Autonomie gefordert, aber die grosse Mehrheit der strenggläubigen Judenhcit hat bisher noch weiter keine grosse Begeisterung für das Danaergeschenk gezeigt, das weltfremd? Theoretiker und kurzsichtige Zeitungsschreiber des Westens in blinder Anlehnung — oder sagen wir lieber Assimilation — an die Verhältnisse anders gearteter Völker ersonnen haben, um ihre Brüder im Osten damit zu beglücken. Die wirklichen Forderungen der Ostjuden dürften wesentlich verständiger und praktischer sein. Was wünschen sie und was brauchen sie? Ihr erstes Verlangen geht auf absolute individuelle Gleichberechtigung. Und mag man auch heute auf sie etwas spöttisch herabsehen und von der „nationalen Gleichberechtigung" unter der man sich nur schwer etwas konkretes vorstellen kann als dem wahrhaften Ideal sprechen, etwas ist doch an ihr und ohne sie geht es nun einmal nicht, da sie Freizügigkeit wie G e w e rb e fr e i'h e Ii und damit den Weg zum materiell befriedigenden Leben bedeutet. Als zweites kommt unbedingte Religionsfreiheit, wozu auch die Berücksichtigung Von Sabbat und Feiertag gehört, zum dritten und letzten aber beanspruchen sie Anerkennung des Rechtes auf eigene Schulen in der-eigenen Sprache. Es kommt etwa auf dasselbe hinaus, was die neue preussische .Regierung den Polen in Deutschland zugesteht. Alles andere ist in Wahrheit nur theoretisch möglich, praktisch aber würde es das grösste Unglück für die Ostjuden bedeuten. Wie stellt man sich beispielsweise den nationalen Kataster vor? Würde nicht in dem so erregbaren Polen die Durchführung dieser Massrcgel die Feindschaft, ja den Hass gegen die Juden verewigen? Werden sich Polen und Tschechen es gefallen lassen, wenn durch fremden Machtspruch eine Nation in ihrer Nation aufgerichtet wird? Ich möchte nicht der Os1jude sein, den die Entente dazu verdammt, als Glied einer jüdischen Nation in Polen zu leben. Judenhass herrscht dort heute gewiss schon zur Genüge, keinen besseren Weg aber um ihn zu verewigen und zur unerträglichen Siedehitze zu steigern gibt es, als die nationale Autonomie, die doch nur ein blosses Wort ist. Wir dürfen mit dem Schicksal unserer Brüder nicht leichtsinnig umspringen, denn die Forderung, die im Westen leichthin ausgesprochen wird, kann im Osten von unübersehbaren und unerträglichen Folgen sein. Der 'ganze Leichtsinn der Forderung offenbart sich, wenn man ihre theoretische Grundlage untersucht. Nationale Autonomie für ihre im Auslande lebenden Gruppen können eben nur wirkliche mächtige Nationen verlangen, keineswegs aber Gebilde wie das Judentum, von denen auch der gesinnungstüchtigste Zionist wenigstens zugeben muss, dass sein Charakter noch unumstritten ist. Nationale Autonomie ist eben eine Machtfragel Die Deutschen werden sie in Polen verlangen können, weil man gegen die Polen in Deutschland jedes unseren Landslcuten -zugefügte Unrecht heimzahlen kann. Hinter den Juden steht aber keine

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