Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 21 (10.8.1919)
- Article
- Jüdische Politik
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
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446 Gipfel gestiegen. Mir ist in dieser Zeitschrift1) nachgesagt worden, dass ich die Beteiligung am Kongress gewünscht hätte, um zu zeigen, wie schwach die Zionisten in Wahrheit seien. Auch ich habe gewiss das irreführende Wort „Kongress" gebraucht, aber diese angebliche Absicht lag* mir durchaus fern. Denn von einer „Beteiligung" der nicht zionistischen Mehrheit kann keine Rede sein. Sie muss bei der Berufung des allgemeinen deutschen Judentages führend vorangehen. Dass ein solcher vonnöten ist, wird kaum bestritten werden. Vom Weltkongress aber wird es meiner Meinung nach sehr still «werden. Ob die französischen und englischen Juden wifklich bereit sein werden, auch mit deutschen Juden — selbst mit deutschen Zionisten — sich zu einem politischen Weltbunde zu vereinen, dürfte denn doch wohl mehr als fraglich sein. Und von der Kostenfrage hat man bisher noch kaum gesprochen. Die aber ist so sehr wichtig! An Agitations-? und sonstigen Kosten dürfte die Kongressbevvegung in Deutschland nach niedrigen Berechnungen etwa drei Millionen Mark verschlingen, und ob man nicht diese schöne Summe etwas nutzbringender anwendet, wenn snan dreitausend ausgeplünderten Ostjuden zur Auswanderung oder zu einer Existenz verhilft, als w'enn man post festum — nachdem die Friedensvertrage alle erledigt sind — theoretische Kundgebungen her-! beiführt, die doch der Meinungsverschiedenheiten in der Judenheit wegen nur klägliche Kompromisse und nicht elementare Ausbrüche eines einigen Willens darstellen, das mögen unsere grossen „Politiker" einmal überlegen. Wir aber, die wir am religiösen Charakter des Judentums festhalten, sollten in Zukunft etwas vorsichtiger sein, bevor wir uns auf neue Begriffe stürzen. j . N a t i o n a l e A u t o n o m i e. Die Kongressfrage ist graüe Theorie, die nationale Auto-) nomie ist blutigrote Wirklichkeit! Auch hier haben wir uns hinrissen lassen und fast gedankenlos einer Forderung zugestimmt, die für andere und für uns die ernstesten Folgerungen haben kann und wird. . *Wa5 ist nationale Autonomie? Eine rechte Klarheit habe ich noch nicht gewinnen können, so sehr ich auch versucht habe, mich zu unterrichten. Theodor Behr, den ich als gewiss unverdächtigen nationaljüdischen Zeugen zitieren will, sagt im „Juden"3): Man hat vielleicht.etwas "zu sehr den politischen Charakter der nationalen Forderungen betont. Und das Wort „Autonomie" — von allen missverstanden und von jedem einzelnen anders gedeutet — hat tatsachlich grosse Verwirrung gebracht." Aber auch Behr beseitigt sie nicht. Wenn er sagt, sie sei „die Freiheit, die den Hass beseitigt und die Versöhnung herbeigeführt", so ist das gewiss eine schöne und fc'ehv/ungvollc Redensart. Mehr jedoch nicht! Nationale Autonomie ist in Wahrheit nur ein W o r t, aber ein sehr 'gefährliches Wort, an dem vielleicht heute schon Blut klebt. \ *) Neue Jüdische Monatshefte, III. Jahrg'., Heft 18, Seite 381. 2) 'April-Mai 1919, Seite 4 (von mir gesperrt). ~